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Alle stehen zusammen

... Was bisher geschah: Anna möchte hinschmeißen und wird von Valerie aufgefangen … Marcel hat einen Herzinfarkt ...


Nachdem Anna und Sebastian die Bestellungen geprüft und korrigiert haben, gehen sie zurück in den Gastraum für eine kleine Kaffee-Pause. Als sie dort ankommen, staunen sie – denn alle Mitarbeiter des Restaurants sind bereits da. Manche sitzen still an den Tischen, andere schauen auf ihr Smartphone, einige unterhalten sich, die drei Auszubildenden polieren Gläser und Besteck. Es wird still und Anna und Sebastian schauen sich einen Moment an. Dann lächeln sie leicht und wenden sich an die anderen. Sebastian beginnt.

»Wow, Leute, ihr seid ja alle schon da!«

Monika, die Serviceleiterin, meldet sich zu Wort.

»Ich glaube, ich spreche hier für alle, wenn ich sage, dass das selbstverständlich ist. Wir müssen jetzt zusammen stehen, denn ich für meinen Teil arbeite gern hier und möchte Valerie und Marcel unterstützen.«

Viele nicken stumm und sehen abwechselnd Sebastian und Monika an. Einer der jüngeren Köche nimmt seinen Mut zusammen und spricht aus, was er denkt.

»Also, ich bin zwar noch nicht so lange hier, aber ich arbeite wirklich gern hier. Auch wenn Marcel ziemlich streng und nervig sein kann, macht es mir Spaß. Ich bin auch bereit mich voll reinzuhängen, aber wie soll das denn alles ohne Marcel gehen? Ich glaube, die Köche wissen was ich meine, wenn ich sage, dass Marcel eine echte Nervensäge ist, wenn er vorbei kommt und einem auf die Finger schaut, oder?«

Alle Köche lächeln und nicken stumm. Auch Anna lächelt, bevor sie fragt:

»Was meinst du denn genau?«

»Ja, also, auch wenn es anstrengend mit Marcel ist, er gibt halt den Ton an. Wenn er sich einmischt oder etwas abschmeckt, ist es am Ende immer genial. Der weiß einfach wie es geht, wie es außergewöhnlich wird. Seit ich hier bin war ich noch nie so genervt, aber ich habe aber auch noch nie soviel über das Kochen gelernt. Und das fehlt jetzt, Marcel fehlt. Auch wenn wir alle Überstunden machen wie die Verrückten weiß ich nicht, wie wir das hinbekommen sollen.«

Jetzt sehen alle zu Anna. Diese starrt einen Moment vor sich hin und schaut auf den Boden. Sie beginnt wieder zu lächeln, hebt den Kopf und sieht alle an.

»Du hast total Recht.« Sie beginnt laut zu lachen und den Kopf zu schütteln, »Marcel ist mit Abstand die größte Nervensäge aller Zeiten!« Jetzt beginnen alle zu lachen, sodass sich die Anspannung ein wenig löst. Anna wartet einen Moment, damit alle durchatmen können, bevor sie weiter spricht.

»Ich war heute sogar so genervt, dass ich kündigen wollte. Ich dachte nämlich, dass es nur mir so geht. Aber anscheinend geht es vielen von uns so. Ich glaube, Marcel will von mir oder von uns allen, dass wir es so machen, wie er es möchte. Und ich habe eben begriffen, dass das etwas Gutes ist. Und ich weiß, dass wir das packen. Marcel hat praktisch 6 Monate auf mich eingeredet, wie ich es machen soll. Nur war ich damit beschäftigt, es irgendwie anders machen zu wollen. Das lasse ich ab jetzt. Außerdem liegt in unserer Küche das Rezept-Buch. Da steht alles drin.«

Monika geht zu Anna und Sebastian und sieht alle an.

»Ok, Leute, ich schlage vor, dass sich heute die beiden hier in der Küche um alles kümmern. Ich und mein Team übernehmen wie immer den Rest. Wobei uns natürlich auch Valerie fehlt, aber wir schaffen das schon. Wir schauen heute, wann sie aus dem Krankenhaus kommt und versuchen dann mit ihr das weitere Vorgehen zu besprechen. Einverstanden, soweit?«

Alle nicken, einige stehen bereits auf, als Sebastian zu sprechen beginnt.

»Also, ich denke, dass wir das schaffen. Ich weiß« jetzt blickt er zu Anna, »dass Marcel ziemlich viel von dir hält. Und ich übrigens auch. Mir ist wichtig, dass wir alle ehrlich und freundlich miteinander sind. Wir waren noch nie in dieser Situation. Es werden Fehler passieren und ich möchte, dass wir aus diesen Fehlern lernen und uns nicht gegenseitig fertig machen. Ich glaube, dass wir alle unser Bestes geben, also muss niemand durchdrehen, wenn mal etwas schief geht. Tja und ansonsten wartet jetzt verdammt viel Arbeit auf uns!«

Alle verharren einen Moment und sehen sich gegenseitig an. Manche lächeln, manche nicken einfach nur. Dann geht ein Ruck durch das Team und alle setzen sich in Bewegung.





Um was geht es hier?

An dieser Stelle möchten wir ein wichtiges Thema näher beleuchten, das in allen Teams von großer Bedeutung ist: die Motivation.

Motivation, von lateinisch movere: bewegen, antreiben

Motivation wird in der Arbeitswelt oft wie etwas Äußeres behandelt. Indem es darum geht, einer Gruppe Menschen, die zusammenarbeitet, von außen etwas anzubieten: Mehr Geld, Annehmlichkeiten, bestimmte Aktivitäten o. ä. In unserem Beispiel funktioniert Motivation aber ganz anders. Hier geht es um etwas Inneres und tatsächlich darum, dass etwas weniger wird und nicht mehr.

Verzicht: den Anspruch auf etwas nicht [länger] geltend machen, aufgeben; auf [der Verwirklichung, Erfüllung von] etwas nicht länger bestehen

Vordergründig scheint allen Mitarbeitern ihr Arbeitsplatz am Herzen zu liegen. Denn alle erscheinen außerhalb ihrer normalen Arbeitszeit zu einer Art Krisentreffen. Sehen wir uns die Stimmung an, so möchte jeder einen Beitrag leisten, mit dafür sorgen, dass das Restaurant am Leben bleibt. Das wiederum bedeutet, dass es für die meisten wahrscheinlich um mehr als nur ihren Gelderwerb geht.



Es entwickelt sich eine Art Kraft, die in Anbetracht einer drohenden Krise entsteht. Wir können spüren und uns ausmalen, wie diese Gruppe Menschen Fahrt aufnimmt und gern bereit ist, mehr Energie als gewöhnlich aufzuwenden und über sich hinauszuwachsen.

Diesen Zustand zu erreichen gelingt nur, wenn alle auf etwas Wesentliches verzichten: auf einen Teil der eigenen Verwirklichung. Zum Beispiel auf die eigenen Karriere- oder Arbeitsziele, die eigene Stimmung, eigene Vorteile, vielleicht sogar auf Konflikte mit anderen Mitarbeitern. Durch den teilweisen und gemeinsamen Verzicht entsteht Raum für ein gemeinsames, übergeordnetes Ziel: zum Beispiel das Restaurant bzw. das Unternehmen zu retten. Oder auch um als Mannschaft das Turnier zu gewinnen, ein nie dagewesenes Produkt zu entwickeln oder auch um besser als der Wettbewerb zu sein.




Warum ist das so bedeutsam?

In der Arbeitswelt wird Motivation oft mit äußeren Anreizen gleichgesetzt, wie eine Art Faktor, den wir einem Team technisch hinzufügen können. Wir möchten verdeutlichen, dass Motivation vom Prinzip her vielmehr etwas Inneres ist. Sie sollte so gestaltet sein, dass sie Menschen dazu einlädt, zu einem Teil auf etwas Eigenes zu verzichten. In unserem Beispiel entsteht dieser Verzicht durch eine Krise. Das ist so, weil wir eine spannende Geschichte erzählen möchten. Es wäre sehr ungesund, ein Team immer wieder in Krisen zu stürzen, damit es motiviert ist. Auf diese Weise brennen wir Menschen einfach aus, bis sie nicht mehr leistungsfähig sind und das Team unter der Last immer neuer Krisen zusammenbricht.

Motivation durch anteiligen Verzicht auf eigene Ziele gelingt nur, wenn es in einem Team, einem Unternehmen oder auch einer Institution eine gute Beziehungsqualität gibt. Diese Qualität ist die Basis des hier vorgestellten Motivation-Prinzips. Denn ohne gute Beziehungsqualität gibt es kein Vertrauen und keine Sicherheit, die wir brauchen, um gewiss zu sein, dass alle anderen auch auf etwas Eigenes verzichten.

Es erfordert sehr viel Zeit und Arbeit, dieses Motivationsprinzip auf ein Team oder ein ganzes System anzuwenden – auch wenn wir uns dies alle wünschen, gibt es keine Patentrezepte in diesem Bereich. Aber wenn es uns gelingt, eine geeignete und angemessene innere Perspektive zu entwickeln, die zum teilweisen Verzicht auf eigene Ziele einlädt, sind wir einen sehr wichtigen Schritt weiter. Dabei spielt es keine Rolle, ob dieses Motivationsmomentum für immer oder nur für eine Woche gedacht ist. Es kann für das gesamte Unternehmen gelten oder aber auch nur für ein Team oder sogar einen einzelnen Mitarbeiter.




Wofür ist das gut?

Motivation ist ein sehr wichtiges Thema in der Arbeitswelt. Sie mehr als etwas Inneres zu verstehen, das zu einem Verzicht einlädt, hilft

  • eigene, neue Denkprozesse anzustoßen

  • nur äußere Anreiz-Kataloge zu hinterfragen

  • zu begreifen, wie wichtig Beziehungsqualität als Basis für Motivation ist

  • bei der Suche nach geeigneten und angemessen Perspektiven

  • neue Werte und Herangehensweisen zu schaffen

Oft genügt eine gute Beziehungsqualität, damit wir bereit sind, mehr als gewöhnlich zu leisten. Denn wenn wir etwas finden, das uns gefällt, uns gut tut, sind wir oft bereit Energie in den Erhalt dieser Situation zu investieren. Um diese Situation zu steigern, um auf ihr aufzubauen, müssen wir eine positive Perspektive entwickeln, die es ermöglicht, dass wir auf etwas verzichten, um mit anderen etwas gemeinsam zu tun.

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Bella & Chrisch Leisten

BOM - Beziehungsorientiertes Management GbR

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