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Anna bekommt eine Lektion

… Was bisher geschah: Das Kbouf hat die Chance auf einen zweiten Stern. Valerie hat es dem Team überlassen, ob es die Herausforderung annimmt. Das Team hat sich dafür entschieden, was viel Arbeit für alle bedeutet …

Heute sind alle wieder zum Üben zusammengekommen, um dem neuen Menü und den Abläufen den letzten Schliff zu geben. Anna stürmt in die Küche. Ihr Gesicht ist gerötet und auf ihrer Stirn bilden sich Falten. Sie knallt einen Teller auf die Anrichte, stemmt die Hände in die Hüften und sieht sich wütend in der Küche um. Alle halten inne und sehen sie erwartungsvoll an. Außer einzelnen Koch-Geräuschen ist nichts zu hören.

»Das schmeckt wie der letzte…« Sie macht eine Pause und guckt einen Moment nach unten. Dann sieht sie wieder hoch und beginnt verkrampft zu lächeln. Sie setzt neu an.

»Wer hat das gekocht? Denn daran«, sie zeigt mit einem Finger auf den Teller und verzieht das Gesicht, »müssen wir arbeiten!«

Robert holt tief Luft.

»Das ist von mir, beziehungsweise bin ich für den Teller verantwortlich. Eigentlich soll Tim das machen, aber der ist heute nicht da.«

Anna senkt wieder den Kopf und starrt einen Moment auf die Küchenfliesen. Dann hebt sie den Kopf und sieht Robert direkt in die Augen.

»Das ist einer der beiden Hauptgänge unseres Menüs, einer der Höhepunkte, Robert. Und das ist alles total daneben.« Anna wird immer hitziger. »Da stimmt nichts, wirklich nichts. Texturen, Aromen-Entfaltung, Temperaturen. Hast du hier gar nichts gelernt? Alle arbeiten dir für diesen Gang zu und das kommt dabei raus? Alles eine Katastrophe, das würde ich nicht mal meinem Hund zu essen geben und der ist wirklich nicht wählerisch! Wenn wir so etwas an unsere Gäste rausgeben, können wir den Laden direkt zu machen. Ich erwarte von dir, ach was, von euch allen, dass ihr alle euer Bestes gebt. Und so eine Schei…«

Weiter kommt sie nicht. Denn Robert hält sich eine Hand vor die Augen und seine Schultern beginnen zu zucken. Unter seiner Hand kommen Tränen zum Vorschein.

Anna holt tief Luft und wird immer lauter.

»Ach was, erst so einen Mist zusammenkochen und jetzt einen auf sensibel machen! An deiner Stelle…« Sie beginnt mit einem Zeigefinger in der Luft rumzufuchteln, als Valerie die Küche betritt.

»Was ist hier los?« Anna bleibt der Mund offenstehen, während ihr Zeigefinger in der Luft verharrt. Nach einem kurzen Augenblick wischt sie sich die Hände an ihrer Küchen-Schürze ab und dreht sich um. Valerie hat die Augen ein wenig mehr geöffnet, eine Augenbraue hochgezogen und sieht sie kritisch an. Als Anna etwas sagen möchte, stoppt sie diese mit einem energischen Kopfschütteln.

»Alles klar. Alle raus hier bis auf Anna. Stellt eure Sachen zur Seite, macht die Geräte aus und wartet im Gastraum. Und du, Robert, gehst bitte allein in den Mitarbeiter-Raum, ich komme gleich zu dir.« Sie lehnt sich ein wenig zur Seite, während die Köche schweigend an ihr vorbei Richtung Gastraum gehen und die Küche verlassen.

»Also ehrlich, Anna. Es ist erst ein paar Tage her, da hast du hier mit großer Geste deine Küchen-Schürze auf den Boden geworfen, weil du dich nicht gut behandelt gefühlt hast. Und jetzt?« Anna hat rote Wangen bekommen und beißt sich auf die Unterlippe.

»Du kannst über Marcel sagen, was du willst, aber er hat hier noch niemanden zum Weinen gebracht. Klar, er wird auch mal laut und ausfallend und er sagt direkt seine Meinung, aber nie so, dass er Menschen verletzt. Hast du hier schon mal geweint?«

»Nein, aber Moment Mal! Jetzt bin ich hier die Böse? Ich häng mich die ganze Zeit rein, gebe alles, halte alle in der Spur und du sagst mir…«

»Genau Anna, was sage ich dir?«

Sie weiß nicht mehr weiter und sackt in sich zusammen.

»Es geht um so viel im Moment. Ich gebe mir so viel Mühe, aber gefühlt geht nichts voran. Ich kann mich kaum um meine eigenen Sachen kümmern, weil ich den anderen ständig alles vorgeben muss. Die anderen machen es mir total schwer!«

»Und genau das ist dein Denkfehler. Ich denke, du solltest dir Marcel viel mehr als Vorbild nehmen. Ich weiß, er ist sehr direkt und fordernd. Aber das bezieht sich immer nur auf das Essen, nie auf dich als Person.«

Anna ist nachdenklich geworden. Valerie setzt nach.

»Überleg dir wie Marcel vorgeht. Was macht er, wenn ihm etwas nicht gefällt?«

Anna lacht aufgebracht.

»Naja, erstmal poltert er los und kritisiert ziemlich hart, was ich gekocht habe. Das tut schon jedes Mal weh…«

»Ja und dann?«

»Hm… Jetzt, wo du mich danach fragst… Er nimmt sich dann eigentlich immer die Zeit, um es mit mir gemeinsam zu machen oder es gleich allen zusammen noch einmal zu zeigen.«

»Aha. Das bedeutet, dass er sehr direkt seine Meinung sagt, auch mal schimpft oder auch einen derben Spruch über ein Gericht raushaut, aber auch niemanden für etwas fertig macht. Er geht wie ein guter Mentor vor, indem er es nochmal vormacht oder gemeinsam mit euch oder einzelnen übt. Und sich nicht beklagt, wie lange das alles dauert und wie wenig er zu seinen eigenen Aufgaben kommt, oder?«

Anna neigt ein wenig den Kopf, sieht zur Decke und denkt nach.

»Hat er dabei jemals geschimpft, dass es ihm nicht schnell genug geht oder er es wieder zeigen muss?«

»Nein, das hat er nie, das stimmt. Er ist sich nie zu schade, es immer und immer wieder durchzugehen, ohne zu meckern. Ich bin wirklich überrascht. So habe ich das Ganze noch nie gesehen. Ich habe mich immer persönlich angegriffen gefühlt, dabei hat er immer nur meine Technik und Abläufe, mein Timing kritisiert und mir dann wieder gezeigt, wie es geht. Verrückt…«

Valerie guckt sehr ernst.

»Hier bei uns geht es nicht nur darum, dass du die Fleißigste, die beste Köchin bist…«

Anna sieht sie fragend an. »Was denn noch?«

»Hier bei uns musst du auch der beste Mensch sein!«

Anna hat sofort Tränen in den Augen. Es herrscht einige Momente Stille. Dann beginnt sie zu nicken und atmet einmal tief durch.

»Wow, also du und Marcel, ihr könnt echt Lektionen erteilen. Ich denke, dass ich es verstanden habe. So etwas wie eben wird nicht mehr vorkommen und ich werde mir mehr Zeit nehmen, es den anderen zu zeigen wie Marcel.«

Valerie lächelt.

»Gut, dann kümmere ich mich jetzt um Robert…«

»Nein, das geht nicht. Das möchte ich machen. Ich bringe das in Ordnung.«

Valerie sieht sie anerkennend an und nickt einfach.



Um was geht es hier?

In dieser Episode geht es um ein sehr verbreitetes Phänomen, von dem wir alle täglich betroffen sind: die kognitive Dissonanz. Dieses Phänomen tritt immer dann auf, wenn wir von uns selbst eine bestimmte Idee haben, uns nach Außen aber ganz anders verhalten und durch ein Feedback auf diesen Widerspruch aufmerksam gemacht werden. Wenn wir in diese Situation geraten, entsteht in uns ein unangenehmer Zustand, eine innere Spannung, die wir schnellstmöglich beheben, beenden möchten. Wir erreichen dies häufig, indem wir ein bestimmtes Prinzip anwenden: der oder die andere ist schuld beziehungsweise liegt es an den Umständen, der Welt.



Kognitive Dissonanz bezeichnet […] einen als unangenehm empfundenen Gefühlszustand. Er entsteht dadurch, dass ein Mensch unvereinbare Kognitionen hat (Wahrnehmungen, Gedanken, Meinungen, Einstellungen, Wünsche oder Absichten).

In unserem Beispiel zeigt sich, dass Anna eine bestimmte Idee von sich selbst hat: Sie hält sich für außerordentlich engagiert und verantwortungsbewusst. Sie gibt sich sehr viel Mühe, ihren Anteil für die bevorstehende Herausforderung zu leisten. Dabei vergisst sie aber augenscheinlich, dass sie mit ihrer Art über das Ziel hinaus schießt. Durch ihren inneren Druck vergreift sie sich im Ton und wird übergriffig, verletzend und herabsetzend.


Wenn zwei […] Elemente zueinander im Widerspruch stehen, sodass das eine in gewisser Hinsicht das Gegenteil des anderen ausdrückt, entsteht Dissonanz. […] Dissonante Zustände werden als unangenehm empfunden und erzeugen innere Spannungen, die nach Überwindung drängen.

Valerie hält ihr sozusagen einen Spiegel vor, indem sie sie auf ihr Verhalten aufmerksam macht. Das ist der Moment, in dem bei Anna eine kognitive Dissonanz einsetzt. Um ihr Selbstbild aufrecht erhalten zu können, bezieht sie sich auf die anderen und die Umstände, die einfach nicht gut genug sind. Sie spielt das Feedback zurück und begründet ihr Verhalten mit der Situation - um ihr Bild von sich aufrecht zu erhalten und damit sicherlich auch den unangenehmen Zustand, in dem sie sich innerlich befindet, zu lösen.



Warum ist das bedeutsam?

Wir alle sind täglich von kognitiven Dissonanzen betroffen. Das ist auf gewisse Weise ganz normal und menschlich. Es gehört quasi zu unserer psychischen Grundausstattung, dass wir unseren Selbstwert immer ein wenig erhöhen oder aber auch herabsenken.


Die kognitive Dissonanz funktioniert auch anders herum: Wenn wir an einem bestimmten Punkt ein eher negatives Selbstbild haben, werden wir durch positives Feedback dissonant. Wir spielen dann ein Lob oder eine Anerkennung herunter oder fühlen uns wie ein Hochstapler.

Es ist wichtig, dass wir lernen, kognitive Dissonanzen vor allem bei uns selbst zu erkennen. Denn diese können sehr negative Konsequenzen für unsere Beziehungen bei der Arbeit haben. In gewissem Sinne stellt die Bewältigung einer kognitiven Dissonanz eine Art Abwehr dar: Wir spielen etwas zurück, geben den Anderen, den Umständen die Schuld oder wir lassen etwas nicht zu oder an uns heran. Das kann den Menschen, die mit uns zu tun haben das Gefühl geben, nicht zu uns durchzudringen. Oder es gibt anderen das Gefühl, dass wir sie nicht ernst nehmen, wir einer Rückmeldung keine Bedeutung zumessen.


Kognitive Dissonanzen haben das Potential unsere persönliche Entwicklung und die Entwicklung positiver Beziehungen bei der Arbeit erheblich auszubremsen. Sie zu überwinden ist meistens nicht leicht, weil das bedeutet, unangenehme Gefühle und Erkenntnisse auszuhalten. Das Schwierige an kognitiven Dissonanzen ist, dass sie so schnell und unbewusst einsetzen. Wir müssen uns also innerlich anstrengen, um sie zu überwinden - es bereitet Mühe und braucht innere Aufmerksamkeit, um sie überhaupt zu bemerken. Wenn wir sie bemerken, geht es darum, die mit ihnen einhergehenden unangenehmen Gefühle zuzulassen und auszuhalten. Um uns dann mit unseren wahrscheinlich neuen Erkenntnissen auseinanderzusetzen. Das sorgt am Ende für persönliches Wachstum und mehr Bewusstsein für uns selbst und die uns umgebenden Menschen. Und das sind gute Voraussetzungen, um mit den Menschen bei unserer beruflichen Tätigkeit besser zurecht zu kommen - bzw. wird es für andere angenehmer mit uns umzugehen, weil wir erreichbarer und offener werden.



Wofür ist das gut?

Kognitive Dissonanzen können unsere eigene Entwicklung und Beziehungen bei der Arbeit erheblich stören, indem sie anderen das Gefühl geben, dass wir


  • sie nicht ernst nehmen

  • Feedback ignorieren oder nicht an uns heran lassen

  • es (immer) besser wissen

  • gleichgültig gegenüber Rückmeldungen sind

  • es aussichtslos erscheinen lassen, uns etwas mitzuteilen


Um diesen Zustand zu verändern benötigen wir


  • innere Aufmerksamkeit

  • die Absicht sie überhaupt zu bemerken

  • die Fähigkeit unangenehme Gefühle und Erkenntnisse auszuhalten

  • Zuversicht, dass es sich lohnt, diese innere Anstrengung auf sich zu nehmen

  • Geduld, um von dieser Arbeit an uns selbst zu profitieren


Wenn es uns gelingt, uns bei unseren kognitiven Dissonanzen zu ertappen, sind wir schon ein großes Stück weiter. Wenn es uns darüber hinaus gelingt, die auftretenden unangenehmen Gefühle und Erkenntnisse auszuhalten, können wir uns weiter entwickeln, wachsen. Und das wiederum führt dazu, dass wir als Mensch bei unserer beruflichen Tätigkeit fähiger und aufmerksamer werden. Und dass es für andere angenehmer wird, mit uns umzugehen, weil wir ansprechbarer und erreichbarer werden.


Wer noch mehr darüber wissen will, hier entlang...




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Bella & Chrisch Leisten

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