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Anna fragt nach

… Was bisher geschah: Alle stürzen sich in die Arbeit im Rennen um den zweiten Stern. Anna schießt dabei mit ihrer Art über das Ziel hinaus und bringt Robert damit zum Weinen. Sie wird von Valerie wieder auf den Boden der Tatsachen geholt…


Anna möchte heute zu Fuß nach Hause gehen und bei einem Spaziergang über das Gespräch mit Valerie nachdenken. Sie erkundigt sich beim Abschied noch einmal bei Robert, ob wirklich alles in Ordnung ist.

­»Boah, Anna, du nervst«, er lacht, »alles gut! Komm gut nach Hause!«

Als Anna draußen ist, schlägt sie den Kragen ihrer Jacke hoch, denn es ist ein wenig frisch und windig. Die kühle Luft tut ihr gut. Sie atmet durch und setzt sich in Bewegung. Vor ihrem inneren Auge geht sie noch einmal die Situation mit Valerie durch.

›Wie macht sie das? Kritisieren und gleichzeitig eine Lösung anbieten?‹

Wie wäre es, wenn sie Valerie einfach fragt? Sie schmunzelt und nimmt sich vor, Valerie am nächsten Tag tatsächlich einfach zu fragen. Zufrieden mit ihrer Entscheidung versucht sie den Rest des Weges die Arbeit hinter sich zu lassen und sich zu entspannen.

Gleich am nächsten Tag geht sie zu Valerie, sobald diese im Restaurant angekommen ist.

»Sag mal, ich würde dich gern etwas fragen. Hast du heute vielleicht 5 Minuten Zeit für ein Gespräch?«

Valerie lächelt und wirft ihre Jacke über einen Stuhl. Nimmt sie aber gleich wieder hoch.

»Verflixt, die Service-Leute hassen es, wenn ich das mache.«

Sie geht mit der Jacke zur Mitarbeiter-Garderobe und dreht den Kopf leicht über die Schulter.

»Komm! Jetzt bin ich neugierig, was los ist.« Anna geht ihr hinterher und biegt dann zur Kaffeemaschine ab.

»Auch einen Kaffee?«

»Oh ja, sehr gern. Bitte extra groß, sonst geht heute nix.«

Beide lachen.

Nachdem Anna den Kaffee gemacht hat, setzen sich beide an einen der freien, noch nicht eingedeckten Tische.

»Also, was möchtest du mit mir besprechen?«

»Ich weiß gar nicht so recht, wie ich das formulieren kann… Also gestern auf dem Weg nach Hause habe ich über dich nachgedacht. Und dabei ist mir aufgefallen, wie sicher und klar du immer bist. Zum Beispiel die Situation gestern, als du mich wegen Robert zu Recht bearbeitet hast…«

Valerie lacht.

»Bearbeitet… Du bist doch kein Werkstück, das ich bearbeite?!« Sie zieht das Wort in die Länge.

Anna lacht nun auch.

»Aber du weißt, was ich meine. Wie hast du das gestern mit mir gemacht? Du hast mich kritisiert und mir etwas ziemlich stark vor Augen geführt. Das ist doch meistens eher etwas Unangenehmes. Das war es zu Anfang auch. Aber es hat sich dann auch gut angefühlt, es hat mich motiviert, besser zu werden. Und das kenne ich so nicht. Normalerweise schäme ich mich und will alles schnell vergessen…«

»Ach, das wollen wir alle meistens in diesen Situationen. Ich denke, dass ich weiß, was du meinst. Und eigentlich ist es ganz einfach.«

»Jetzt bin ich aber gespannt. Ich weiß zwar nicht, was ich erwartet habe, aber dass du gleich weißt, worum es geht…«

»Ja, ich bin da nicht von selbst darauf gekommen. Ich war früher auch mehr so wie du, bis Marcel mich gedrängt hat, etwas zu ändern. Ich bin dann für ein paar Stunden zu einem Coaching gegangen. Und dort habe ich sehr viel über etwas gelernt, dass sich Beziehungsabsicht nennt.«

Sie hält einen Moment inne und sieht Anna erwartungsvoll an. Die hat ihren Mund ein wenig geöffnet, spricht das Wort still nach und sieht ihr dann direkt in die Augen.

»Beziehungsabsicht… Das habe ich noch nie gehört…«

»Ja, ich kannte das auch nicht. Es ist so: wir beide haben eine Arbeitsbeziehung. Und in dieser Beziehung steckt eine Absicht. Ich gebe dir ein Beispiel: Früher waren unsere Mitarbeiter für mich einfach nur Faktoren. Wie etwas Technisches, wie Zahnräder, die ineinandergreifen. Meine Beziehungsabsicht war, dass jeder funktionieren soll und einfach das macht, was ich sage. Und deswegen war ich immer sehr aufgebracht, wenn etwas nicht so lief, wie ich das wollte. Es passieren ja auch mal Fehler oder Mitarbeiter:innen haben ihren eigenen Kopf. Und dann war ich sehr oft so wie du gestern. Schimpfend, verzweifelt, weil doch alles nicht so schwer sein kann, es um so viel geht und so weiter. Unsere Mitarbeiter:innen waren für mich eher Feinde, die mir das Leben schwer machen.«

»Wow, Valerie, das hätte ich nicht gedacht!«

»Naja, meine Beziehungsabsicht war, dass mir unsere Mitarbeiter:innen gehorchen und funktionieren sollen, im Grunde genommen wie Soldaten. Was denkst du, wie du dich fühlen würdest, wenn ich dir so begegnen würde?«

Anna lacht.

»Ich wäre schon lange nicht mehr hier, so viel ist mal klar. Aber was war denn dann gestern deine Absicht? Auch wenn du mir ganz schön den Spiegel vorgehalten hast, hattest du ja recht. Es war völlig ok das zu tun. Und es hilft mir, es bringt mich weiter und das fühlt sich gut an.«

»Na sieh mal, das ist doch auch schon meine Beziehungsabsicht. Ich möchte ganz aufrichtig, dass du dich mit mir gut fühlst. Ich möchte, dass du etwas lernst und besser wirst. Und das ist kein Spiel oder irgendwie aufgesetzt von mir, wie ein Trick, mit dem ich dich manipulieren will. Ich meine es wirklich gut, dass ist meine Absicht. Und deswegen kann ich dich auch kritisieren, dir etwas vor Augen führen. Und das wiederum hat dann den Effekt, den du gestern bemerkt hast. Ich muss nicht immer nur nett und freundlich sein. Ich kann auch streng und fordernd sein. Und weil meine Beziehungsabsicht gut ist, führt das immer zu einem guten Ergebnis, wenn ich so bin, weil du spüren, fühlen kannst, was bei mir los ist.«

Anna schweigt eine längere Zeit.

»Das ist eine ziemlich wichtige Sache, denke ich. Und ich muss sagen, dass mir das noch nie so klar war.«

»Ja… Das, was du bist, berührt andere und kommt zu dir zurück. Wenn etwas nicht so läuft wie du möchtest, hat das immer viel mehr mit dir und deiner Beziehungsabsicht zu tun. Und sehr viel weniger mit den anderen.«



Um was geht es hier?

Wir alle gehen miteinander Beziehungen ein – auch bei der Arbeit. Für viele von uns ist diese Idee neu, weil wir von Beziehungen meistens nur in unserem Privatleben sprechen. Aber auch bei der Arbeit haben wir viele unterschiedliche Beziehungen zu Kolleg:innen, Vorgesetzten und Kund:innen. Jede Beziehung verfolgt einen Zweck, hat eine Absicht (nicht im romantischen Sinn). Und meistens ist uns das nicht bewusst.



Unsere Beziehungsabsicht hat immer etwas mit unseren Bedürfnissen und Erwartungen zu tun

Das Paradoxe an dem Begriff der Beziehungsabsicht ist, dass er so klingt, als würden wir mit Absicht etwas in Beziehungen verfolgen. Dabei ist das genaue Gegenteil der Fall, indem uns unsere Absichten in Arbeitsbeziehungen (und oft auch in allen anderen) überhaupt nicht bewusst sind.


Innerhalb eines normalen Rahmens gibt es keine guten oder schlechten Beziehungsabsichten. Es kommt nur darauf an, ob sich unsere Absichten mit denen unseres Gegenübers überschneiden.

Wenn wir unsere Arbeitsbeziehungen bewusster gestalten möchten, geht es darum, unsere eigenen Beziehungsabsichten herauszufinden. Denn diese sind häufig für uns selbst verborgen. Es macht einen Unterschied, ob wir wissen, dass uns Verbindlichkeit und Ernsthaftigkeit in Arbeitsbeziehungen wichtig sind. Oder es für uns um Freundlichkeit und Selbstverantwortung geht. Und wir brauchen Überschneidung in unseren Absichten mit unserem Gegenüber oder eine Klarheit über unsere Unterschiede – sonst läuft es sehr schnell schief. Wenn es für A um Folgsamkeit und für B um Selbstverantwortung geht, wie wird es dann beiden miteinander bei der Arbeit gehen? Wie ist die Qualität unserer Arbeitsbeziehungen beschaffen, wenn wir unterschiedliche Beziehungsabsichten verfolgen? In solchen Fällen ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass unser Miteinander eher von Spannungen, Konflikten, Missverständnissen, Unterstellungen und Abwertungen geprägt ist, als dass es uns gut geht. Was passiert mit unserem Gegenüber, wenn ich einfach nur etwas verkaufen möchte (oder muss) und mir der Rest meines Gegenübers egal ist? Wie fühlt es sich für mein Gegenüber an, wenn wir einfach nur Arbeitsanweisungen verteilen und auf die Erfüllung bestehen?



Warum ist das bedeutsam?

Arbeit bedeutet (auch) soziale Interaktion. Die Qualität dieser Interaktion wird maßgeblich durch unsere zugrunde liegenden Beziehungsabsichten bestimmt. Wenn wir Folgsamkeit erwarten, sich unser Gegenüber aber freier, kreativer entfalten möchte, sollten wir diese Situation erkennen. Denn wenn wir sie erkennen, können wir beginnen etwas zu gestalten und mit einem besseren Verständnis unsere sozialen Interaktionen interpretieren.


Über unsere Beziehungsabsicht können wir maßgeblich die empfundene, erlebte Qualität unseres Miteinanders beeinflussen. Dabei ist entscheidend, dass wir authentisch vorgehen. Unserem Gegenüber einfach nur vorzuspielen, dass wir z.B. freundlich oder verbindlich sind, ist keine gute Idee – denn wir alle können spüren, woran wir sind, wenn wir miteinander umgehen.


In Arbeitsumfeldern, in denen eine authentische Beziehungsabsicht herrscht, fühlen wir uns wohl. Wir erleben das Miteinander als aufrichtig und stimmig – auch wenn es vielleicht eher förmlich, hierarchisch oder streng zugeht. In Arbeitsumfeldern, in denen die Beziehungsabsichten wenig authentisch sind, fühlen wir uns meistens nicht wohl – auch wenn es betont locker, freundlich oder familiär zugeht.



Wofür ist das gut?

Unsere Beziehungsabsichten sind uns meistens nicht bewusst. Dennoch haben sie einen erheblichen Einfluss darauf, wie wohl wir uns mit einer sozialen Interaktion fühlen.


Beziehungsabsichten sind das Fundament unserer sozialen Interaktion. Sie zu klären, bedeutet


  • herauszufinden, was uns wichtig im Umgang mit anderen ist oder

  • was anderen vielleicht wichtig im Umgang mit uns ist

  • einen Blick auf unsere Bedürfnisse und Erwartungen zu erhalten

  • authentischer und sicherer in unserem Auftreten zu werden

  • Schnittmengen mit anderen herzustellen zu können oder

  • Unterschiede zu erkennen und damit Konflikte oder Unwohlsein entschärfen zu können


Für uns alle ist es zu Beginn vielleicht ungewohnt, über dieses Thema nachzudenken und etwas über unsere Absichten herauszufinden. Können wir diese Hürde überwinden, beschäftigen wir uns aber mit einem weitreichenden Schlüssel für ein gelingendes und erfolgreiches Miteinander in unserem Berufsleben.


Wer noch mehr darüber wissen will, hier entlang...

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Bella & Chrisch Leisten

BOM - Beziehungsorientiertes Management GbR

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