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Das Beziehungsquadrat – ein langer Weg, Teil II

Der Entschluss, ein Buch zu schreiben, fühlt sich großartig an. Jede große Entscheidung (Berufsweg, Kinder bekommen, ein Haus bauen, ein Unternehmen gründen) beginnt immer mit tollen inneren Bildern, schönen Erwartungen und der Idee, dass eine Reise voller Freude vor uns liegt. Wir alle machen diese Erfahrung einige Male im Leben – wir alle wissen aber auch immer recht schnell, wie es weiter geht. Denn das eine ist, eine große Entscheidung zu treffen. Und das andere ins Ziel zu kommen. Nun gut, schreiben wir ein Buch. Es folgt die große Verunsicherung: Worüber eigentlich genau? Beziehungen und Gefühle in der Arbeitswelt – da denken doch alle gleich an romantische Liebe im Büro und nicht an das emotionale (Arbeits-)Verhältnis zu den Menschen, mit denen wir arbeiten. Gibt es schon andere Bücher zu unserem Thema? Wird es überhaupt jemanden interessieren oder kann es am Ende weg? Wie seriös, unterhaltsam oder lehrreich soll es denn sein? Und die größte Frage: Was verdammt nochmal machen wir da eigentlich genau und wie funktioniert es?

Unsere Arbeit ist ahnend, intuitiv und assoziativ

Kurzschluss: Einfach erstmal anfangen, der Rest ergibt sich schon. Viele Seiten schreiben, viele Grafiken entwickeln, bis der volle Kopf vor Verzweiflung auf die Tastatur fällt. Spüren, dass es so nichts wird, mehr Verzweiflung entwickeln. Dann inne halten, ehrlich sein, die schwierigste Entscheidung treffen: Pause! In Ruhe viel mehr recherchieren, viel mehr sich selbst bei der Arbeit beobachten, Daten sammeln. Viele Monate vergehen so.

Wie machen wir aus Intuition und Assoziationen einen nachvollziehbaren Text, ein ansprechendes Buch?

Wir erforschen, wie wir in der Arbeit mit Menschen vorgehen. Und entdecken, dass da sehr viel gleichzeitig passiert. Vorher, mittendrin und danach. Wir identifizieren Prozesse, isolieren sie in unserem Kopf und beginnen, sie zu beschreiben. Auf sehr vielen Spaziergängen, nüchtern und an einigen Abenden auf dem Balkon, mit Gin-Tonic. Für uns wird immer deutlicher und konkreter, was wir da machen und wie es funktioniert. Wir stoßen auf Prinzipien, später ein zentrales Thema im fertigen Buch. Ach ja, da war ja was. Wir wollen ein Buch schreiben. Also, zweite Version beginnen, nochmal vorn, den ersten halben Versuch im Hinterkopf schreiben wir ein zweites Buch. Dieses Mal mit viel mehr Klarheit und dem festen Vorhaben, komplizierte Zusammenhänge gleichsam lehrreich und verdaulich, unterhaltsam auf den Punkt zu bringen. Es geht besser voran, aber die ganze Zeit fehlt noch immer etwas.

Ganz einfach: mit ganz viel Fleiß... Und noch mehr Fleiß

Was fehlt ist ein übergeordneter Begriff, der alles zusammenfasst. Während wir über diesen Punkt nachdenken, beschäftigt uns auch der Bezug zur Praxis. Zu guten Erklärungen gehören immer auch gute Beispiele, Geschichten und gemachte Erfahrungen. Wie wollen wir das einbringen und gestalten? Denn eine narrative (erzählende) Ebene ist für die Vermittlung von Wissen genauso entscheidend wie das Wissen an sich. An einem lauen Sommerabend ist es dann soweit: Wir erfinden einen Begriff, um den es geht, wenn wir mit Menschen bei der Arbeit umgehen. Auf einmal ist er da: Das Beziehungsquadrat. Uns ist sofort klar, dass das der Begriff ist, der die ganze Zeit gefehlt hat. Das Kind hat einen Namen, durchatmen. Das wiederum setzt einen sehr kreativen Prozess in Gang. Denn die ganze Zeit geht es in Beziehungen darum, dass etwas oft nicht so ist, wie wir uns das wünschen. Es gibt Hindernisse, unsichtbare Störungen. Also entsteht schnell auch das Störungsquadrat als Begriff. Für uns ein aufregender Prozess, fast so als würde ein verborgenes Muster in diesen Themen existieren, denn wir bemerken, dass in beiden Quadraten vier Themen stecken, die uns immer wieder begegnen – sowohl privat als auch beruflich. Das bedeutet für uns, dass wir das, was wir entdecken und beschreiben, ganz natürlich bestimmten Punkten dieser Quadrate zuordnen können. Wir also nicht künstlich Themen oder Prinzipien entwickeln, damit es am Ende irgendwie aufgeht.

Wie ein Bildhauer setzen wir immer wieder an, bis das Werk Gestalt annimmt

Wir sehen die vier im sogenannten Störungsquadrat vorhandenen Themen auf einmal wie schurkische Superbösewichte und die Themen im Beziehungsquadrat wie die Superhelden, die positiven Gegenspieler. Zu diesem Zeitpunkt macht es sehr viel Spaß den noch zu integrierenden Praxis-Teil wie eine Superhelden-Geschichte zu erzählen. Wir entwerfen Charakter-Eigenschaften, schurkische Kräfte und Superhelden-Fähigkeiten und malen uns Gladiatoren-Kämpfe aus. Wir geben unseren Bösewichten und Superhelden Namen, Eigenschaften und Superkräfte. Doch nach ein paar Wochen tritt Ernüchterung ein: Wir können unsere schöne Idee nicht einmal annähernd künstlerisch umsetzen. Was nützt die ganze tolle Idee einer Art Comic-Geschichte, wenn wir nicht mal einen Kreis vernünftig zeichnen können? Zu diesem Zeitpunkt ist auch nicht klar, ob und wie wir überhaupt etwas veröffentlichen. Einiges an Geld in die Hand zu nehmen, um einen befreundeten Grafiker das alles zeichnen zu lassen, erscheint uns vor diesem Hintergrund viel zu riskant. Also, kreatives Archiv auf, Beziehungs-Superhelden und Bösewichte eingelagert, Wiedervorlage: unbestimmt.

Wir verzetteln uns oft und müssen wieder von vorn beginnen

Wir kommen zu dieser Zeit im Herbst an und entschließen uns zu einer Art Endspurt, was unsere Selbstständigkeit angeht. Wir werden den Winter im Ausland (Teneriffa, Portugal) verbringen und arbeiten entsprechend vor und leben sehr sparsam, um finanziell sicher zu sein. Wieder eine grundsätzliche Pause, Unterbrechung. Als wir auf Teneriffa ankommen, entscheiden wir, dass wir erstmal das warme Wetter genießen, uns einleben und die Seele baumeln lassen. Eine Wohltat nach vielen Wochen Dunkelheit, Kälte und sehr viel Arbeit zuhause. Nach einiger Zeit klopft das Buchprojekt in Form von schlechtem Gewissen und innerem Druck an. Also Kompromisse. Ein Tag am Strand? Ok. Und das Notizbuch? Kommt mit! Aus meiner Sicht entsteht auf diesem Weg einer der besten jemals verfassten Texte der Menschheitsgeschichte über ein bestimmtes Thema (Bezugsrahmen) – zumindest fühlte es sich beim Schreiben so an. Am nächsten Tag Ernüchterung: Kein Archiv, sondern ganz schnell Papierkorb. Nach einiger Zeit beginnen wir wieder mit unserem Schreibritual: Ich stehe früh auf und schreibe die ersten Texte. Kaffee, Laptop, Musik, Kopfhörer, irgendwann die sich erhebende Sonne und ein gigantischer Ozean im Auge, der von links nach rechts reicht. Schreib-Romantik pur, seufz. Später am Tag geht Bella alles durch. Streicht, ergänzt, korrigiert. Und am nächsten Tag von vorn.

Bis es passt, eine Form annimmt, die uns gefällt

Nichts davon hat allerdings direkten Zugang in das endgültige Buch gefunden. Trotz aller Schreib-Routine, des ganzen Fleißes und der schönen Schreib-Romantik taugt diese Version nur als zweite, wieder nur interne Vorabversion. Richtig ernst wird es dann im zweiten Teil unserer Reise in Portugal, wo wir – ohne es zu diesem Zeitpunkt zu wissen – das endgültige Manuskript, die endgültige Version beginnen…

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