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Drama im Kbouf - Die Geschichte beginnt

Marcel verzieht das Gesicht und knallt die Pfanne auf den Gasherd, sodass die Butter nach allen Seiten spritzt.

»Das schmeckt scheiße! Wer hat das gekocht?«

Es wird augenblicklich sehr still in der Küche. Marcel stemmt die Hände in die Hüfte, streckt den Kopf nach vorn und sieht sich um.

»Hm, warst du das? Warst du das? Oder du?« Marcel dreht sich ruckartig in verschiedene Richtungen und reißt jedes Mal die Augen auf, wenn er die Frage stellt.

Dann sagt eine Frauenstimme sehr ruhig: »Ich wars.«

Marcel dreht sich um und sieht direkt in Annas Augen, die hinter ihm steht.

»Und bevor du richtig loslegst mit deinem cholerischen Anfall, sag ich dir gleich, dass ich kündige. Das hier ist echt der letzte Laden. Kann ja sein, dass du dir einen Stern erkocht hast. Aber wie du mit den Leuten umgehst,« jetzt macht sie einen kleinen Schritt auf Marcel zu und zeigt bei jedem einzelnen Wort mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf ihn, »GEHT ÜBERHAUPT NICHT!«

Sie wischt ihre Hände in einem Küchenhandtuch ab und wirft es dann aus dem Handgelenk vor seine Füße. Sie lächelt spöttisch, dreht sich um und geht Richtung Personalraum.

Marcel stützt sich mit beiden Händen auf eine Arbeitsfläche, lässt den Kopf hängen und beginnt zu hecheln. Er ist rot im Gesicht und kann nur noch schnell und flach atmen.

In diesem Moment kommt Valerie leichtfüßig in die Küche. Sie ist aufgeregt und beginnt mit hoher Stimme: »Leute? Leute! Ihr glaubt nicht… Schatz, du glaubst nicht…« Sie bleibt abrupt stehen und sieht sich um. Sie bemerkt die Stille und sieht, wie Marcel mit hochrotem Kopf vor sich hin hechelt.

»Äh, was ist denn hier passiert?« Sie guckt ernst in der Küche umher.

Keiner sagt etwas, sodass sie zu Marcel geht und ihre Hand auf seine Schulter legt.

»Schatz, was ist denn los hier?«

Sebastian unterbricht die Stille und sagt: »Anna hat wohl den Fisch nicht so gemacht, wie der Großmeister es wollte, hatte keine Lust mehr sich dafür fertigmachen zu lassen und hat dann gekündigt.«

Valerie sieht abwechselnd zwischen den beiden hin und her und spricht dann Marcel an.

»Schatz, ist das wahr, stimmt das, hast du schon wieder. …«

Marcel dreht den Kopf zur Seite und sieht sie mit zusammen gekniffenen Augen an, in denen sich Tränen gesammelt haben.

Sebastian setzt nach. »Das ist jetzt die dritte Kündigung von einer echt guten Köchin in ein paar Monaten. Ich brauch jetzt eine Pause. Ich mach mir einen Kaffee und bin eine rauchen.«

Er nimmt die Kochmütze ab, zieht die Schürze aus und geht aus der Küche.




Um was geht es hier?

Beim Lesen dieser Geschichte werden wir alle recht gleiche Ideen und Gefühle haben. Es entstehen in uns wahrscheinlich ähnliche Bilder, Fantasien, wie diese Szene abläuft und was sie bedeutet. Wir nennen das einen Bezugsrahmen. Ein innerer Rahmen, in dem wir Informationen aufnehmen, diese interpretieren und ihnen eine Bedeutung geben. Meistens bemerken wir das nicht, sondern wissen direkt, was los ist.

interpretieren: [...] eine Aussage o. Ä. inhaltlich erklären, erläutern, deuten

Die Sache ist: Es gibt unendlich viele dieser Bezugsrahmen. Es könnte alles auch ganz anders sein. In dieser kleinen Szene können sich noch viele andere, genauso wahre Bezugsrahmen verbergen. Vielleicht geht es hier gar nicht um einen ständig cholerischen, pedantischen und Mitarbeiter verbrauchenden Chef?



Um neue Bezugsrahmen zu finden, müssen wir einen Schritt zurückmachen und uns fragen, ob nicht auch andere Interpretationen dieser Szene möglich sind. Dies wollen wir anhand von Marcel kurz demonstrieren. Vielleicht:

  • Hat Marcel Angst seinen Stern und damit seine berufliche Existenz zu verlieren oder

  • Er hat Sorge, nicht ernst genommen zu werden und neigt deswegen zu Wutausbrüchen, Strenge oder Pedanterie.

  • Ist ihm wichtig, dass alle es so machen, wie er es für richtig hält. Die Mitarbeiter aber arbeiten eher kreativ, gehen über etwas hinaus, um sich zu beweisen, seine Anerkennung zu verdienen.

  • Hat er nur bestimmte innere Bilder und Vorstellungen wie seine Rolle als Küchenchef zu sein hat. Diese müssen nicht mit seiner restlichen Person übereinstimmen.

  • Ist er Opfer einer kleinen Intrige Annas, die insgeheim so eine Szene brauchte, um guten Gewissens gehen zu können.

  • Hat er gesundheitliche Probleme und ist deshalb so schnell außer sich, außer Atem.

Wie wir sehen, entstehen mit neuen Bezugsrahmen sofort andere Interpretationsmöglichkeiten, können wir einer Situation eine andere Bedeutung geben.

Warum ist das so bedeutsam?

Es ist wichtig, weil es einen anderen Zugang schafft. Wählen wir den gewohnten Bezugsrahmen, ist uns allen klar, was los ist. Verändern wir ihn aber, entsteht sofort ein neuer Blickwinkel und damit direkt ein neuer Bedarf: Wir benötigen mehr Informationen. Denn neue Blickwinkel, Bezugsrahmen führen dazu, dass wir neue, andere Annahmen entwickeln können. Diese können wir dann mit neuen, weiteren Informationen überprüfen.


Wenn du etwas Neues herausfinden möchtest, ändere deine innere Perspektive.

Für die Arbeitswelt kann das bedeuten, dass wir auf unser Gegenüber (Kollegen, Kunden oder Chef) zugehen und fragen. Oder unsere Annahmen beschreiben. Und dann fragen. Aber erst, wenn sich die Situation abgekühlt hat. Es kann auch bedeuten, dass wir unser eigenes Verständnis einer Situationen verändern, sie anders interpretieren, indem wir nachdenken – auch das führt zu neuen Informationen. Das wiederum kann zu einem anderen Verhalten führen. Vielleicht aber auch nur zu einem anderen inneren Verständnis, das uns hilft, eine bestimmte Situation für uns besser, geklärter zu erleben.


Wofür ist das gut?

Die Frage nach anderen Bezugsrahmen eignet sich besonders, um


  • angespannte, geladene Situationen zu entschärfen

  • Missverständnisse aufzudecken und zu klären

  • die soziale Kenntnis der Beteiligten zu vertiefen – oft wichtig, um Motivation, Engagement, Verbindlichkeit und oder Harmonisierung zu erhöhen

  • neuen Schwung in festgefahrene, allzu routinierte Abläufe oder Situationen zu bringen

  • für sich selbst eine andere Lesart einer bestimmten Situationen zu entwickeln

  • die eigenen sozialen Fähigkeiten zu erhöhen

In Bezugsrahmen zu denken ist zu Beginn oft abstrakt und schwer – das wollen wir gar nicht verheimlichen. Aber es ist immer lohnend und wie immer alles eine Frage der Übung.

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Bella & Chrisch Leisten

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