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Eine neue Herausforderung

... Was bisher geschah: Das Team hat sich zusammen gefunden, um die Krise gemeinsam zu meistern. Auch wenn allen klar ist, wie sehr Marcel fehlt …


Valerie umklammert das Lenkrad mit beiden Händen und starrt aus der Windschutzscheibe. Sie steht auf dem Parkplatz hinter dem Restaurant.

›Wie soll ich den Tag nur packen? Es gibt so viel zu tun… Und das alles ohne Marcel.‹

Sie erinnert sich an ihr Gespräch mit Anna. Den kurzen Moment des Triumphs, als sie Anna zum Bleiben bewegen konnte. Und dann im nächsten Moment der Schrecken, als sie Marcel so hilflos auf dem Boden der Küche liegen sah.

Sie blinzelt und ist innerlich wieder im Krankenhaus, nachdem Marcel stabilisiert und wieder klar ist.

»Schatz, du musst ins Restaurant. Hier kannst du mir im Moment eh nicht helfen. Sorg dafür, dass der Laden weiter läuft.« Marcel lächelt geschwächt.

»Ich renn schon nicht weg, komm einfach vorbei, wenn du Zeit hast.«

Valerie beginnt zu lächeln und leicht den Kopf zu schütteln. Sie gibt sich einen Ruck und steigt aus dem Auto. Draußen bleibt sie noch einen Moment stehen, schließt die Augen und atmet durch. Als sie die Augen wieder öffnet, steht Anna vor ihr.

»Hey.« Mehr sagt sie nicht und nimmt Valerie schweigend in den Arm.

Als sie ihre Umarmung lösen, möchte Valerie etwas sagen, doch Anna kommt ihr zuvor.

»Komm einfach mal mit.«

Beide gehen ins Restaurant und Valerie macht große Augen als sie das ganze Treiben sieht. Alle sind damit beschäftigt, ihren Aufgaben nachzugehen. Sebastian kommt aus der Küche in den Gastraum und sieht ihr direkt in ihre Augen. Er bleibt stehen und ruft den anderen zu: »Macht mal einen Moment Pause, Valerie ist wieder da.«

Alle halten inne und blicken zu ihr.

»Hi Leute, ihr seid einfach großartig. Vorhin habe ich noch überlegt, ob wir das Restaurant einige Zeit schließen.« Sie sieht jeden einzelnen Kurz an.

»Aber so wie es aussieht, habt ihr alle Lust mit mir zusammen den Betrieb aufrecht zu erhalten. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Danke!«

Sebastian meldet sich zu Wort: »Ich wüsste da schon noch etwas, das du uns sagen könntest.«

»Hm, ja, was denn?«

»Naja, wie geht es Marcel? Wir haben zwar vorhin festgestellt, dass er die größte Nervensäge aller Zeiten ist«, jetzt lächelt er breit, »aber mit ihm immer alles besser wird.«

Valerie lächelt auch.

»Ja, es geht ihm den Umständen entsprechend gut. Kaum, dass er aus dem Gröbsten raus war, hat er mich auch gleich wieder hierher geschickt. Ich soll euch auch alle lieb grüßen. Und in der Küche sollt ihr euch an Anna halten, die weiß bescheid.«

Sie sieht sich um und setzt sich an einen der Tische.

»Könntet ihr bitte die anderen holen? Ich muss nämlich noch etwas Wichtiges mit euch allen besprechen.«

Keine fünf Minuten später sind alle da. Manche setzen sich auf Stühle, manche stehen. Alle sehen Valerie an.

Diese steht auf und beginnt zu sprechen.

»Also, erst einmal danke für euer Engagement. Ihr seid alle unglaublich, echt. Marcel hat alles, soweit man das bei dem Thema sagen kann, gut überstanden. Er ist aus der Gefahr und stabil. Ich kann euch noch nicht sagen, wie es mit ihm weiter geht, was jetzt noch kommt und wann genau er wieder hier ist. Ich soll euch aber alle lieb grüßen und euch sagen, dass er bald wieder da ist, um euch auf die Nerven zu gehen.¬«

Alle lachen. Valerie wartet einen Moment, bevor sie wieder etwas ernster weiter spricht. Sie atmet durch und hebt ein wenig den Kopf.

»Also Leute, ich habe über ein paar Ecken erfahren, dass wir im Gespräch für einen zweiten Stern sind.«

Ein leichtes Raunen geht durch das Team. Sie wartet wieder einen Moment.

»Das bedeutet, dass in den nächsten Wochen jemand als Gast kommt, um uns zu bewerten. Und ich muss euch ja nicht sagen, was das für eine Riesenchance ist. Ich würde das sehr gern schaffen. Auch wenn Marcel nicht da ist. Vielleicht möchte ich es auch für ihn schaffen, denn das ist schon sehr lange ein Traum von ihm. Ich möchte das aber in dieser Situation mit euch gemeinsam entscheiden. Wir können das Restaurant ein paar Wochen schließen, bis es Marcel wieder besser geht und dann schauen, wie die Situation ist. Wir haben genug Rücklagen, um das abzupuffern. Aber was denkt ihr? Zumachen oder um den zweiten Stern ohne Marcel kämpfen?«

Es ist für einen Moment sehr still. Valerie spricht weiter.

»Die Sache ist, dass Marcel in den letzten Wochen immer wieder einzelne Gerichte getestet hat. Ihr habt ja mitbekommen, dass es hier und da immer wieder Mal etwas Neues auf der Karte gab. Seine Idee ist, dass er aus diesen neuen Einzelgerichten ein eigenständiges, neues Menü gestalten will. Wir haben also immer wieder einzelne Gerichte getestet, um nicht gleich alles auf einmal zu ändern. Jetzt wäre also der Zeitpunkt, diese ganzen kleinen Bausteine zu einem Ganzen, zu einem Menü zu machen und damit den zweiten Stern zu holen.«





Um was geht es hier?

In der Arbeitswelt geht es sehr viel um unsere Persönlichkeit. Die Art und Weise wie wir denken und fühlen und unser Verhalten haben einen entscheidenden Einfluss auf sehr viele Faktoren.

Sehen wir uns an dieser Stelle Valeries Verhalten etwas genauer an: Sie ist in der Lage körperliche Nähe (Annas Umarmung) zuzulassen. Nähe zuzulassen ist in der Arbeitswelt eher ein Tabu – vermutlich, weil es uns schwer fällt, uns auch wieder zu distanzieren, auf eine formale Ebene zurückzugehen, wenn das erforderlich ist. Und vielleicht auch, weil es eine knifflige Frage sein kann, wie viel Nähe in Ordnung ist und wie viel nicht.


In einer zweiten denkwürdigen Entscheidungssituation beteiligt Valerie alle Mitarbeiter an einer richtungsweisenden Entscheidung. Auch das kann für uns schwierig sein, weil es mit der Angst einhergehen kann, Macht, Einfluss, Kontrolle oder Entscheidungsgewalt einzubüßen. Dürfen dann alle machen, was sie wollen?


Angewendet auf Personen bedeutet Authentizität, sich gemäß […] seinen Werten, Gedanken, Emotionen, Überzeugungen und Bedürfnissen auszudrücken und dementsprechend zu handeln, und sich nicht durch äußere Einflüsse bestimmen zu lassen.

Es geht also um Authentizität. Valerie ist als Führungskraft nicht darauf aus, sich nach einem bestimmten Grundsatz, System oder auch einer Typologie zu verhalten. Sie erlaubt sich, ihrer Persönlichkeit entsprechend natürlich vorzugehen. Der entscheidende Punkt ist, dass alle anderen sie deshalb als eine starke und souveräne Persönlichkeit wahrnehmen. Sehr wahrscheinlich kann sie ganz automatisch wieder Distanz oder hierarchische Gegebenheiten herstellen, wenn sie das für erforderlich hält. Da sie sich authentisch verhält, wird sie von ihren Mitarbeitern respektiert und ernst genommen. Und das Ganze gilt für uns alle: Unabhängig davon, ob wir Führungskraft, Mitarbeiter, Dienstleister oder Kunde sind.





Warum ist das so bedeutsam?

Agieren wir natürlich aus uns selbst heraus, werden wir mit hoher Wahrscheinlichkeit ernst genommen und andere erleben unser Verhalten als stimmig, souverän und zu uns passend. Und das sorgt für Respekt und Verbindlichkeit.


Sehr oft verbringen wir viel Zeit damit, herauszufinden, wie wir sein sollten. Versuchen wir Ängste zu verbergen, indem wir unser Verhalten strategisch planen (möchten). Greifen wir zu Typologien, bestimmten Ideen, von denen wir hoffen, dass sie eine bestimmte Wirkung auf andere erzielen.


Wir schlagen vor, diese Zeit und diese Ressourcen vielmehr dafür zu nutzen, herauszufinden, welche Dinge für uns wichtig, natürlich und bestimmend sind.

Wenn wir gern streng sind – perfekt, dann sind wir eben streng. Strenge kann auch bedeuten, dass von uns Zuverlässigkeit, Verbindlichkeit und Sicherheit, Fairness ausgehen. Wenn wir freundlich sind, dann sind wir freundlich. Das bedeutet nicht, dass wir alles kritiklos durchwinken. Wenn wir Humor haben, dann zeigen und nutzen wir eben den. Das muss nicht bedeuten, dass wir nicht auch mal kritisch oder laut sein können.


Andere messen unserem Verhalten einen Wert zu. Dieser Wert entsteht dabei durch unsere Authentizität – und nicht, weil ein bestimmtes Verhalten besser oder schlechter, zielführender oder moderner als ein anderes ist.





Wofür ist das gut?

Anstatt uns immer (wieder) zu fragen, wie andere unser Verhalten bewerten, sollten wir lieber mehr über uns selbst herausfinden, indem wir uns selbst fragen:


  • Was macht mich authentisch?

  • Was macht mich aus?

  • Was ist mir wichtig?

  • Wovor habe ich Angst?

  • Wann erlebe ich andere als authentisch?

  • Wie fühlt es sich an, wenn ich andere als authentisch erlebe?


Die Bearbeitung dieser Fragen kann uns ein gutes Stück weiterbringen. Um dieses Wissen um uns selbst besser nutzen zu können, brauchen wir jedoch ein weiteres Element, eine bestimmte Kraft – nämlich Mut. Über diese Zusammenhänge sprechen wir dann in einem der nächsten Artikel.


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Bella & Chrisch Leisten

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