Suche
  • Chrisch Leisten

Große Entscheidungen

… Was bisher geschah: Valerie hat erfahren, dass ihr Restaurant Kbouf die Chance hat, sich einen zweiten Stern zu erkochen. Sie überlässt dem Team die Entscheidung …

»Das ist schon spannend.« Alle blicken zu Anna, die die Stille nutzt, um sich zu Wort zu melden. Valerie lächelt und hält den Kopf ein wenig schräg. Bevor sie Anna antwortet, guckt sie einen Moment auf den Boden vor sich. Dann hebt sie den Kopf und sieht Anna direkt in die Augen:

»Ja, schon oder? Was denkst du denn?«

»Ach, ich denke alles Mögliche. Eine Seite von mir möchte sofort loslegen und die andere hat einfach nur Angst. Also, Angst dich oder Marcel zu enttäuschen, wenn es nicht klappt. So eine Chance ist ja etwas Besonderes…«

Viele nicken stumm und geben ihr innerlich recht. Was, wenn es schief geht?

Valerie gibt sich einen Ruck und stößt sich von der Tischkante ab, an die sie sich gelehnt hatte. Ihr Blick wird ernst und sie guckt unter allen Anwesenden umher.

»Also dazu kann ich euch direkt etwas sagen, weil das bestimmt ein wichtiger Punkt ist. Wenn wir das machen, dann voller Stolz und Zuversicht. Wir geben alle unser Bestes und versuchen Freude an dieser Herausforderung zu haben. Versteht mich nicht falsch, wenn wir das anpacken, dann mit guter Laune. Aber es soll auch niemand glauben, dass das ein Spaziergang wird oder alles auf die leichte Schulter nehmen. Ich möchte, dass wir gut drauf sind, aber auch ernsthaft, fleißig und bescheiden zu Werke gehen. Wenn wir das schaffen, wenn ich das von euch spüren kann, ist mir das Ergebnis fast nicht mehr wichtig.«

Robert, einer der jüngeren Köche, der Marcel als echte Nervensäge bezeichnet hatte, meldet sich zu Wort:

»Und ich dachte bisher, dass Marcel anspruchsvoll ist… Das ist dein Ernst, oder? Wir gehen das echt an? Ohne Marcel? Krass…«

»Ja, Moment, das sind sozusagen meine Bedingungen, wenn wir antreten. Wir müssen es nicht machen. Ich möchte, dass ihr als Team zu einer Entscheidung kommt. Ihr müsst es nicht jetzt entscheiden. Ich würde vorschlagen, dass wir uns Montag, wenn wir unseren Ruhetag haben, hier machmittags für ein bis zwei Stunden treffen und dann gemeinsam an einer Entscheidung arbeiten. Bis dahin habt ihr genug Zeit, um euch Gedanken zu machen. Was meint ihr?«

Einige nicken einfach nur, manche sagen ja, einige wenige starren noch einen Moment vor sich hin, blicken dann auf und nicken. Valerie lächelt und klatscht in die Hände.

»Ok, dann lasst uns mit dem Tagesgeschäft weiter machen. Wir treffen uns am Montag um 16 Uhr!«

An dem besagten Tag sind alle pünktlich erschienen. Valerie hat Stifte und Zettel bereitgelegt. Außerdem hat sie die fertige Menükarte und für die Köche die dazugehörenden Rezepte von Marcel zusammengetragen.

»Ok, ich möchte, dass ihr euch jetzt als Teams für euren Bereich an verschiedenen Tischen zusammenfindet. Ich werde euch nichts vorgeben. Guckt euch die Menükarte an und entwickelt einen Plan. Und erst am Ende fragt ihr euch, ob wir diese Herausforderung annehmen wollen.«

Alle Mitarbeiter teilen sich in kleinere Gruppen auf und nehmen dementsprechend an verschiedenen Tischen Platz. In den ersten Minuten ist es eher still an den Tischen und sehr verhalten. Valerie geht in die Mitte des Raumes und klatscht laut in die Hände.

»Kommt schon, Leute. Hängt euch rein, fangt an miteinander zu sprechen. Was geht? Was geht nicht? Wer sieht welche Probleme und wer hat Ideen für Lösungen? Macht einfach, diskutiert, plant, tauscht euch einfach aus, das wird schon! Entwickelt einen Plan. Und erst am Ende entscheidet ihr gemeinsam, ob ihr es durchziehen wollt oder nicht.«

Valeries Rede hilft. Nach und nach entsteht ein reger Austausch an den Tischen. Die Service-Mitarbeiter machen Pläne für das Aussehen der Tische, welches Geschirr und Besteck sie für die jeweiligen Gänge nutzen möchten, überlegen wie sie den Gastraum gestalten und diskutieren sogar Änderungen an der Service-Kleidung. Die beiden Sommelièren haben sich die Menükarte geschnappt und sind im Weinkeller verschwunden, um eine erste Auswahl an korrespondieren Weinen für die einzelnen Gänge vorzunehmen. Am lebendigsten geht es bei den Köchen zu. Diese haben zwei Tische zusammengeschoben und diskutieren sehr angeregt über die Menükarte. Dabei geht es viel darum, wer zu welchem Zeitpunkt des Menüs welche Aufgabe, welchen Teil des Gerichts übernimmt. Wann etwas vorbereitet wird, mit welcher Kochtechnik und Zubereitungsart etwas gemacht wird. Dabei sind alle Gespräche sehr konstruktiv. Kritik oder Bedenken werden von allen zur Kenntnis genommen und führen zu einer immer neuen Suche nach Lösungen. Wobei immer wieder jemand eine gute Idee hat oder Verantwortung übernimmt und sich bereit erklärt für etwas die Zuständigkeit zu übernehmen. Nach einer guten Stunde wird es wieder stiller im Gastraum. Alle Teams sind damit beschäftigt, ihre Ideen, Lösungen, Zuständigkeiten und offenen Fragen aufzuschreiben.

Valerie hat ein wenig abseits gesessen und sich um liegengebliebene Verwaltungsaufgaben gekümmert. Sie steht auf und geht wieder in die Mitte des Raumes. Alle halten inne und sehen zu ihr. Sie blickt zu den Tischen mit den Köchen und zieht die Augenbrauen hoch. »Und?«

Anna zwinkert Robert zu, der sie anstatt Valerie die ganze Zeit angeguckt hat. Er lächelt leicht, zieht auch die Augenbrauen hoch und beugt sich ein wenig zu ihr: »Echt?«, flüstert er. Anna nickt einfach nur.

Robert richtet sich auf, strahlt über das ganze Gesicht und hält ruckartig einfach den Daumen nach oben.

Alle lachen und der eine oder andere beginnt zu applaudieren. Valerie blickt dann zu den Service-Mitarbeitern, die alle zusammen den Daumen nach oben halten. Zuletzt geht ihr den Blick zu den Sommelièren, die aufstehen, sich verbeugen und dann die gleiche Geste machen.

Nun applaudieren alle, auch Valerie, nicken und sehen sich gegenseitig an. Nach einem kurzen Moment hört Valerie auf. Sie wartet, bis es wieder still wird. Sie atmet einmal durch und lächelt dann.

»Ok, Leute, stolzer könnte ich auf euch nicht sein in diesem Moment. Lasst mich nur soviel sagen … Das wird verdammt viel Arbeit! Aber wenn wir so weiter machen, packen wir das!«




Um was geht es hier?

Als Inhaberin und Führungskraft geht Valerie an diesem Punkt der Geschichte sehr gekonnt und mutig vor. Anstatt alle Prozesse an sich zu reißen, Vorgaben und Vorschriften zu machen, übergibt sie bildlich gesprochen alle Macht ihrem Team, das für sich selbst entscheiden kann. Dadurch kann ein bestimmter Prozess entstehen, den wir Selbstorganisation nennen.



[…] Selbstorganisation ist […] eine Form der […] Entwicklung, bei der […] gestaltende Einflüsse von den Elementen […] selbst ausgehen. In Prozessen der Selbstorganisation werden höhere strukturelle Ordnungen erreicht, ohne dass äußere steuernde Elemente vorliegen.

Diese Definition kommt aus der Systemtheorie, die einen eher abstrakten Blick auf jegliche Art von Systemen wirft. Das funktioniert auch prima mit Unternehmen und Teams, nur dass dann die ›Elemente‹ eben Menschen sind. Valerie gibt in ihrer Funktion einen starken Rahmen vor – was sie zu einer äußerst kompetenten Führungskraft macht - und überlässt es dann ihren Mitarbeitern, diesen Rahmen auf Basis von Selbstorganisation zu füllen. Die Mitarbeiter wiederum nutzen diesen Raum für eine Art von Entfaltung, indem sie eigene Ideen, Können, Erfahrungswerte, Hilfsbereitschaft und weitere Faktoren in ihren Teamprozess einbringen.

Sehr viel häufiger treffen wir dagegen in der Arbeitswelt auf das Prinzip der Hierarchie.

Hierarchie: Rangfolge, Rangordnung

Hierarchien sind meistens wie eine Pyramide aufgebaut, in der die eine Ebene bestimmt, was die darunter liegende zu tun und zu erledigen hat. Mitunter gibt es dann sehr detaillierte Anforderungen auf welche Weise anstehende Aufgaben erledigt werden (sollen).


[Ein kleiner Nebenhinweis: In einem vorherigen Artikel haben wir den Zusammenhang von Verzicht und Motivation näher beleuchtet. Auch das lässt sich hier beobachten: Valerie verzichtet auf einen Teil ihrer Gestaltungs- und Entscheidungsmacht, sodass bei ihren Mitarbeitern ein hoher Grad an Motivation und Verbindlichkeit entsteht.]

Warum ist das bedeutsam?

Wer um die Kraft der Selbstorganisation weiß und Möglichkeiten schafft, dass sich diese entfalten kann, verfügt über ein sehr weitreichendes und vielfältiges Instrument. In der Geschichte erleben wir Menschen, die Feuer fangen, die Leidenschaft für Lösungen und Zuständigkeiten entwickeln. Keiner hat Angst etwas Falsches zu sagen oder verweigert sich der Aufgabe. Keiner pocht auf hierarchische Gegebenheiten und Positionen. Warum? Weil Raum da ist, in dem sich alle entfalten können. Und das macht etwas salopper formuliert einfach Spaß. Darüber hinaus entsteht ein hoher Grad an Identifikation und Verbindlichkeit: alle werden ihre Aufgaben übernehmen, weil sie zu ihren eigenen Aufgaben geworden sind – anders als wenn diese einfach nur verordnet werden. Dieser Grad an Motivation ließe sich nicht verordnen oder von außen durch Annehmlichkeiten und/oder Druck herbeiführen.

Viele Mitarbeiter und Führungskräfte haben leider immer noch Angst vor Selbstorganisation. Zu groß ist die Befürchtung, dass ein Team zu selbstständig wird, die eigene Entscheidungs- und Gestaltungsmacht nachhaltig geschwächt wird. Ziehen wir ein anderes Bild heran, könnten wir auch sagen, dass Valerie die Dirigentin eines Orchesters ist. Sie könnte jedem Mitglied ihres Orchesters immer wieder jede Note einzeln vorspielen, bis es klingt wie sie es möchte. In unserer Geschichte überlässt sie es aber einzelnen Gruppen des Orchesters, Lösungen, einen Weg für das zu spielende Stück zu finden. Die Musiker beginnen miteinander zu arbeiten und entwickeln einen Plan wie sie das Stück spielen können. Um am Ende zu entscheiden, ob sie es mit diesem Plan überhaupt spielen möchten. Wir denken, dass es ganz im Gegenteil danach so sein wird, dass Valerie noch mehr an Einfluss und Vertrauen gewonnen und nichts von ihrer Entscheidungsmacht eingebüßt hat. Denn als Führungskraft muss sie nicht jedes Instrument besser als alle anderen spielen können, sondern alle so dirigieren, dass diese über sich (positiv) hinauswachsen können. Es geht nicht darum, dass Prinzip der Hierarchie aufzulösen, sondern in einer Hierarchie mehr Selbstorganisation zuzulassen. Das geht um so sicherer, desto besser die vorherrschende Beziehungsqualität aller Beteiligten ist.

Wofür ist das gut?

Selbstorganisation ist in der Arbeitswelt leider immer noch sehr angstbesetzt. Aber wer sich traut, sie immer wieder einzusetzen, wird feststellen, dass sie ein hervorragendes Mittel ist, um:

  • mit anderen Lösungen für anspruchsvolle Herausforderungen und Aufgaben zu finden

  • sehr viel Identifikation, Motivation und Verbindlichkeit zu erzeugen

  • wieder mehr Freude und Sinn in den eigenen Tätigkeiten zu finden

  • anderen wieder mehr Freude und Sinn an ihren Tätigkeiten zu geben

  • sich selbst zu entlasten und

  • anderen mehr Raum für Entfaltung und Gestaltung zu geben

Wir empfehlen Selbstorganisation zu Beginn in kleinen Dosen zu probieren und zu verabreichen. Um dann immer wieder zu reflektieren, wie sie wirkt, was sie für Ergebnisse bringt. Sowohl auf der sachlichen, fachlichen Arbeitsebene, aber auch auf der emotionalen und vor allen Dingen Beziehungsebene.

25 Ansichten
Abonniere unseren Newsletter, wenn du über neue Blog-Einträge und
Aktuelles informiert werden möchtest.

KONTAKT

Bella & Chrisch Leisten

BOM - Beziehungsorientiertes Management GbR

Lutherstr. 57 - 30171 Hannover

+49 (0) 160 6000 626

  • Schwarz Instagram Icon

©2020 BoM. Erstellt mit Wix.com