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Im Team ist etwas faul

... Was bisher geschah: Die anstehende Herausforderung sorgt bei allen für Anspannung. Besonders Anna steht unter großem Druck, sodass sie die Beherrschung verliert. Robert ist dadurch sehr gekränkt. Er sucht das Gespräch mit Valerie, die versucht ihm zu helfen...


Am nächsten Tag kommt Valerie sehr früh in das Restaurant. Sie hat sich nach dem Gespräch mit Robert viele Gedanken gemacht und ist dabei auf eine bestimmte Frage gekommen. Sie hat sich für ihren Arbeitstag vorgenommen, ihre Idee zu überprüfen und mehr herauszufinden. Deshalb sitzt sie nicht zufällig im Gastraum und kümmert sich um die Buchführung, als der Service am Vormittag mit den ersten Arbeiten beginnt. Die Mitarbeitenden beginnen meistens mit den Textilien also den Tischdecken, Servietten und der Arbeitskleidung für alle Beschäftigten. Dies ist meistens ein eher lockerer Start in den Tag, bei dem sich die alle unterhalten, während sie sortieren, stapeln und Dinge zurechtlegen. Valerie schnappt hier und da einige Gesprächsfetzen auf und macht sich dazu Notizen. Ihr geht es nicht darum, ihre Mitarbeitenden auszuspionieren, sondern lediglich ihre Hypothese zu überprüfen – für die sie auch erste Indizien findet. Und so verbringt sie den Tag damit, zu verschiedenen Zeiten in unterschiedlichen Arbeitsbereichen vorbeizuschauen und unauffällig zu beobachten und Informationen zu sammeln. Am frühen Nachmittag beschließt sie einen Spaziergang zu machen und über die gesammelten Eindrücke und Informationen nachzudenken. Auf der einen Seite möchte sie sofort loslegen und ihren Erkenntnissen Taten folgen lassen. Andererseits ist sie mittlerweile erfahren genug, dass sie weiß, wie wichtig Abstand und Denkpausen sind, wenn es um entscheidende Themen geht. Nach einer guten Stunde ist sie zurück im Restaurant. Da mittlerweile alle da sind und das Restaurant in Kürze öffnet, versammelt sie alle kurz im Gastraum.

»Hallo Leute, ich weiß, die Zeit drängt, deshalb mache ich es kurz. Ich möchte, dass ihr heute alles so für morgen vorbereitet, dass wir uns zusammen unterhalten können. Ich habe mir die Pläne angesehen und morgen um 15 Uhr müsste es eigentlich ganz gut passen. Bitte kommt alle und plant eine gute Stunde ein, damit wir uns über ein wichtiges Thema unterhalten können.« Da alle noch verharren, setzt sie nach.

»Macht euch keine Sorgen, es ist alles soweit in Ordnung, mir sind nur ein paar Dinge aufgefallen, die ich mit euch besprechen möchte«, sie lächelt, »macht euch keinen Kopf und jetzt zurück an die Arbeit!« Einige lächeln, andere unterhalten sich kurz oder gehen wortlos zurück an ihre Arbeit, als sich die kurze Versammlung auflöst.

Am nächsten Tag um 15 Uhr ist es soweit. Valerie ist gut vorbereitet und hofft, dass es ihr gelingt, dass ganze Team zu einem bestimmten Punkt zu führen. Alle sitzen verteilt an unterschiedlichen Tischen im Gastraum. Valerie steht mit einem Flipchart am Kopf des Raums, sodass alle sie sehen können.

»Ok, Leute, schön, dass ihr alle da seid. Bevor wir zum eigentlichen Thema kommen, möchte ich von euch wissen, wie es zurzeit läuft. Vor allen Dingen zwischen den verschiedenen Bereichen.«

Alle schweigen. Valerie lächelt.

»Das habe ich mir gedacht. Was ist denn los?«

Es entsteht ein wenig Unruhe, indem sich einige umsehen, anders hinsetzen oder mit den Schultern zucken.

Bernd, einer der Service-Kräfte, meldet sich zu Wort.

»Eigentlich ist alles ok, also ist diesem Sinne nichts los. Klar, es gibt hier und da manchmal Missverständnisse oder etwas geht ein wenig schief… Aber eigentlich bekommen wir immer alles hin.« Die meisten nicken still und sehen dann zu Valerie.

»Ok, danke für das Feedback. Auf der einen Seite sehe ich es so wie du. Aber ich habe mir gestern Zeit genommen und bin einfach mal bei euch allen vorbeigekommen. Und dabei ist mir etwas aufgefallen.«

Sie macht eine Pause und wartet. Robert hebt nach einer Weile die Hand.

»Ja, Robert?«

»Was ist dir denn aufgefallen?«

»Genau, was ist mir aufgefallen? Ich kann euch erstmal nur sagen, dass ich etwas beobachte. Das sage ich euch auch gleich. Ich vermute aber, dass da etwas hinter steckt und das können wir nur gemeinsam herausfinden, indem wir ehrlich sind.«

Robert zieht die Augenbrauen ein wenig zusammen.

»Das klingt alles sehr geheimnisvoll, Valerie, was ist denn?«

»Ganz einfach, irgendwie sind wir kein ganzes Team, sondern eine Sammlung von kleineren Gruppen. Es gibt die Köche und den Service. Und bei den Köchen gibt es wiederum noch kleinere Gruppen und beim Service auch. Und diese ganzen Gruppen wiederum gucken irgendwie zu den anderen Gruppen, machen kleine Sprüche, decken Fehler auf, machen sich lustig und so weiter.«

Jetzt meldet sich Bernd wieder: »Aber das ist doch ganz normal, das ist doch überall so. Und das geht doch auch gar nicht anders bei unserer Aufgabenverteilung und den ganzen unterschiedlichen Persönlichkeiten hier.«

Valerie macht einen kleinen Schritt zurück und senkt leicht den Kopf. Dann hebt sie leicht die Schultern, atmet ein und richtet sich auf. Sie lächelt und sieht in der Runde umher.

»Das ist auf eine gewisse Weise auch richtig. Rein sachlich spricht nichts dagegen. Wir sind alle unterschiedlich, haben Vorlieben und Abneigungen, die eine oder den anderen mögen wir mehr als den Rest. Das ist auch nicht das Problem…«

Bei dem Wort Problem ändert sich sofort die Stimmung im Raum, alle erstarren ein wenig und sehen Valerie erwartungsvoll an.

»Wir könnten jetzt sicherlich diskutieren, ob wir Aufgabenverteilungen verbessern, Abläufe optimieren, Zuständigkeiten klären und so weiter und so fort. Aber das sind alles nur sachliche Dinge, das ist Technik, alles nur rational…«

Robert richtet sich auf und ruft spontan: »Dir geht es um die Stimmung hier, um die Gefühle…«, alle sehen direkt zu Robert, der errötet und den Kopf schüttelt, »oh, Entschuldigung, ich wollte nicht…«

Valerie lacht.

»Nein, nein, Robert, perfekt! Genau darum geht es. Nach Außen hin scheint hier alles in Ordnung. Wir könnten jetzt ganz sachlich und höflich diskutieren, aber in Wahrheit«, sie holt kurz Luft, »ist die Stimmung bei uns so miserabel wie noch nie und ich möchte wissen, warum…«



Um was geht es hier?


Alle Menschen können zwischen zwei unterschiedlichen Zuständen wechseln. Diese Zustände sind etwas Inneres, indem wir auf eine bestimmte Art und Weise denken und fühlen. Und sie sind etwas Äußeres, weil andere bemerken können, wie wir uns verhalten und reagieren. Beide Zustände sind gleich wichtig oder bedeutsam und haben ihre eigenen Vor- und mitunter auch Nachteile.



Der für uns meistens einfachere und alltäglichere Zustand ist der heiße Zustand. Heiß bedeutet in diesem Zusammenhang, dass wir unsere Gedanken und Gefühle sind. Alles geht uns nah und hat einen direkten, ungefilterten Einfluss auf uns. Wir sind dann zufrieden, ängstlich, wütend oder fröhlich. Wir schreiten zur Tat, treffen direkte Entscheidungen und das, was andere uns zeigen, ist die Realität, die Wahrheit. Dieser Modus ist schnell, direkt und einfach. Wir können uns in ihm verlieren und vor uns hintreiben. Der für uns oft anstrengendere Zustand ist der kalte Zustand. Kalt bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, dass wir keine Gefühle haben, sondern eine Art Abstand zu ihnen einnehmen können. Wir können dann beobachten, analysieren und hinterfragen, was in uns und uns herum geschieht. Dieser Modus ist eher langsam, manchmal auch schwerfällig und wir müssen ihn anstreben, uns bemühen, ihn zu erreichen.


Heiß und kalt sind die fundamentalen Zustände unseres Daseins

Im kalten Modus können wir hinterfragen, analysieren und planen. Im heißen sind wir eher direkt, impulsiv und spontan. In unserem Alltags- und Berufsleben neigen wir dazu, beide Zustände zu vertauschen, also in Situationen, in denen wir mehr von dem einen mehr profitieren würden, genau in den gegenteiligen zu wechseln. Manchmal ist es notwendig über Stimmungen und Gefühle zu sprechen und diese gemeinsam auszuwerten – in der Arbeitswelt versuchen wir oft uns nicht auf diese Situation einzulassen und streben dann in den gegenteiligen Modus: Wir wollen dann über Abläufe, Zuständigkeiten und vielleicht auch Fehler diskutieren. Aber es gibt auch Situationen, in denen wir impulsiv und direkt reagieren, obwohl es günstiger sein könnte, innerlich einen Schritt zurück zu machen und die Situation zu überdenken: Wenn wir uns sofort persönlich gemeint fühlen, gekränkt oder wütend sind oder mit einem eingeengten emotionalen Fokus handeln.



Warum ist das bedeutsam?

Erst einmal ist es wichtig, dass wir uns beide Zustände bewusst machen können. Wir können aufmerksamer dafür werden, uns selbst zu beobachten und mitzubekommen, in welchem Modus wir und auch die anderen gerade sind. Wenn wir bemerken, ob wir heiß oder kalt sind, wie wir die Welt wahrnehmen und mit ihr interagieren, eröffnen sich neue Möglichkeiten. Wir können uns selbst und andere besser wahrnehmen, Prozesse bewusster gestalten und zu neuen Sichtweisen gelangen. Wir können uns aber auch entscheiden, uns intensiv in einer bestimmten Aufgabe zu versenken und den sogenannten Flow-Zustand erreichen, einer Spielart des heißen Modus. Zu bemerken, ob wir heiß oder kalt sind (ohne es zu bewerten), ist außerdem ein sehr guter Weg, wenn wir mehr Selbstkontrolle bzw. Selbstregulation erreichen möchten. Im Umgang mit anderen können wir uns schneller orientieren und eine bessere Einschätzung der Situation vornehmen. Das Wissen um den heißen und kalten Modus und ihn an uns selbst und anderen erkennen zu können, ist ein wesentlicher Baustein unserer sozialen Kompetenz.



Wofür ist das gut?

Die beiden Zustände zu kennen und zu erkennen ist wichtig, um


  • soziale Situationen angemessen(er) und konstruktiv(er) einzuschätzen

  • alternative Wahrnehmungs-, Interpretations- und Verhaltensmöglichkeiten zu entwickeln

  • uns selbst besser regulieren, steuern zu können

  • soziales Geschehen besser zu verstehen und zu gestalten

  • Lösungen für anspruchsvolle Situationen zu entwickeln


Es mag zu Beginn komisch oder merkwürdig sein, uns selbst zu fragen, ob wir gerade heiß oder kalt sind. Wie nah oder fern uns bestimmte Gefühle und Gedanken im Moment sind. Zu überprüfen, ob wir sofort handeln (wollen) oder uns zurückziehen und nachdenken möchten. Wichtig ist dabei, unsere Antworten oder Feststellungen nicht zu bewerten, sondern sie zu nutzen, eine für uns angemessene Vorgehensweise zu finden.


Wer noch mehr darüber wissen will, hier entlang...

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