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Robert ist gekränkt

... Was bisher geschah: Alle geben ihr Bestes im Rennen um den zweiten Stern. Anna geht in ihrem Eifer zu weit und bringt Robert in eine unglückliche Lage. Sie wird von Valerie gebremst und kritisiert...


Es braucht ein paar Tage, aber nach und nach merkt Robert, dass ihm der Vorfall mit Anna näher geht, als ihm lieb ist. Normalerweise ist er höflich und gut gelaunt, doch das hat sich nun geändert. Er ist eher zurückgezogen, einsilbig und erledigt die ihm zugewiesenen Aufgaben stumm und relativ leblos. Die Fragen seiner Kolleg:innen, was denn los ist, beantwortet er mit ›Nichts!‹. Er wirkt distanziert und verschlossen. Bei Besprechungen ist er aufmerksam, aber still. Nach circa einer Woche nimmt sich Anna während des Feierabends ein Herz und geht auf ihn zu – alle sind noch in der Küche und erledigen letzte Aufräumarbeiten. Anna geht zu Roberts Arbeitsplatz und spricht ihn an. Alle anderen gehen weiter ihren Aufgaben nach, schauen aber immer wieder zu den beiden.

»Robert?«

Dieser räumt einige, kleinere Küchengeräte in eine Schublade und sieht sie nicht an.

»Ja?«

»Was ist los ist mit dir? So kenne ich dich gar nicht!«

»Was soll sein? Alles gut…«

Er hat innegehalten und schaut Anna an, neutral und reglos.

»Ich weiß nicht, sonst bist du irgendwie mehr da, lebendiger.«

»Wie gesagt, alles gut. Ich weiß nicht, was du meinst.«

Anna ist ratlos. Sie spürt, dass sie so nicht weiterkommt und sie ihn nicht dazu bewegen kann, ihr zu sagen, was wirklich los ist. Denn dass etwas nicht stimmt, merkt sie genau.

»Hat es mit dieser Sache zu tun? Du weißt schon, als ich dich letzte Woche so angefahren habe?«

Er seufzt, schließt die Schublade und bringt ein benutztes Handtuch zum Wäschekorb in einer Ecke. Er dreht sich um, greift hinter sich, nimmt die Kochschürze ab und sieht sie dabei an.

»Ich bin hier fertig, kann ich dann gehen?«

Es ist etwas stiller geworden und alle sehen zu Anna.

Die zuckt leicht mit den Schultern und seufzt auch.

»Na klar, komm gut nach Hause.«

Am nächsten Tag wartet Robert innerlich auf Valerie. Nachdem sie vor einiger Zeit im Restaurant angekommen ist, geht er zu ihr.

»Hallo Valerie, hast du einen Moment Zeit für mich? Können wir miteinander reden?«

Etwas in Roberts Ton lässt sie aufhorchen.

»Hallo Robert, selbstverständlich. Wir gehen ins Büro, ja? Da sind wir ungestört…«

Beide gehen direkt los und setzen sich.

Valerie sagt nichts, sie wartet, dass Robert beginnt. Beide schweigen eine Weile, er schaut auf den Boden. Nach einiger Zeit seufzt er und blickt auf, direkt in Valeries Augen.

»Das von Anna war nicht ok. Mich so anzufahren, um sich dann später einfach zu entschuldigen. Kann ich ja auch, oder? Wie wäre es denn, wenn ich dich vor allen runter mache und mich später einfach bei dir entschuldige? Dann wäre auch alles wieder ok, oder?«

Er wartet einen Moment und schaut dann wieder auf den Boden. Nach einer Weile sieht er auf und spricht weiter.

»Ganz ehrlich, Valerie? Ich bin verletzt und fühle mich erniedrigt. Am liebsten möchte ich nicht mehr herkommen, aber ich kann auch die anderen nicht im Stich lassen. Das ist eigentlich der einzige Grund, warum ich hier überhaupt noch arbeite. Ich könnte sofort bei meinem Bruder im Restaurant anfangen. Das ist zwar keine Sterne-Küche, aber da wird man vernünftig behandelt.«

Valerie wartet noch einen Moment, aber Robert scheint nichts mehr sagen zu wollen.

»Robert? Es tut mir sehr leid, dass es dir so geht. Ich gebe dir Recht. Das, was passiert ist, ist nicht in Ordnung. Ich finde es sehr stark von dir, dass du trotzdem weiter herkommst und die anderen unterstützt. Und ich finde es sehr stark von dir, dass du mir so ehrlich sagst, wie es dir geht. Das ist bestimmt alles nicht einfach...«

Robert sieht auf. In seinem Gesicht wechseln sich Ärger, Überraschung und Zweifel ab.

»Ist das jetzt so eine Masche von dir? Machst du dich über mich lustig?«

»Nein, auf gar keinen Fall. Ich meine es genauso wie ich es sage.«

»Na gut, dann sage ich dir auch etwas. Mit dir geht es mir genauso. Du hast mich einfach weggeschickt und dann auch noch in einen anderen Raum als die anderen. So als wäre ich ein kleines Kind, mit dem etwas nicht stimmt. Das war fast noch schlimmer. Diese ganze Hinterzimmer-Politik hier finde ich ziemlich ätzend.« Er zeigt mit dem Daumen über die Schulter.

»Da Draußen führt ihr euch auf wie ihr wollt und wenn etwas schief geht, wird sich schön im Einzelgespräch ohne die anderen entschuldigt. Das kommt doch jetzt auch gleich von dir wieder, oder? Dass dir das alles sehr leidtut und so weiter…« Robert schnauft und hat rote Wangen bekommen.

Es kommt nicht häufig vor, aber Valerie ist gleichermaßen erschrocken und sprachlos. Sie rutscht ein wenig auf ihrem Stuhl hin und her. Unbehagen und Ratlosigkeit steigen in ihr auf. Sie atmet tief durch die Nase ein und es bilden sich Falten auf ihrer Stirn. Sie schaut kurz aus dem Fenster und schlägt ihre Hände leicht auf die Oberschenkel. Sie ist ernst geworden und blickt Robert fest in die Augen.

»Du hast Recht! Mit allem, was du gerade gesagt hast. Und jetzt möchte ich mich nicht entschuldigen, denn ich bin viel zu wütend. Wütend über mich selbst, denn augenscheinlich habe ich es mir viel zu einfach gemacht. Und es stimmt, eine Entschuldigung reicht nicht, den entstandenen Schaden wieder gut zu machen. Ich kann dir erst einmal nur danken, dass du so ehrlich bist. Das ist bestimmt nicht einfach, nachdem ich mich so verhalten habe.«

»Ich möchte einfach nur vernünftig behandelt werden, ohne dass sich jemand im Nachhinein still und heimlich bei mir entschuldigt.«

»Ich verstehe, wie es dir geht und kann mir vorstellen, wie sich das anfühlt. Ich möchte es wieder gut machen, habe aber gerade keine Idee, wie wir das machen können. Ich möchte, dass du bleibst und dich hier wohl und sicher fühlst. Ich habe leider nur im Moment keine Idee, wie ich das machen kann. Dafür bin ich gerade viel zu wütend über mich selbst. Das kann nicht sein, dass mir so etwas passiert.«

Sie hält inne und beide schweigen.

»Was hältst du von folgender Idee: Ich denke darüber nach wie ich das wieder gut machen kann. Und du denkst darüber nach, was du jetzt brauchst.«

Robert guckt überrascht. Valerie lächelt.

»Ja, da guckst du. Das eine ist nämlich so eine lupenreine Kritik rauszuhauen. Das andere ist aber, was du jetzt brauchst, damit es dir wieder besser geht. Vielleicht weißt du es im Moment auch noch nicht. Das geht uns allen so in diesen Momenten. Also, denke darüber nach. Das kann auch ein paar Tage dauern.«

Jetzt lächelt Robert auch.

»Du hast Recht, ich weiß es grad gar nicht. Das musste wohl erstmal raus.«

»Genau, du konntest ja nicht wissen, wie ich reagiere…«

»Das stimmt, aber eigentlich hast du wie immer reagiert und das ist gut so. Ich habe aber noch eine Bitte oder eine Forderung.«

Sie zieht die Augenbrauen leicht nach oben, atmet hörbar ein und sieht ihn an.

»Ich weiß, dass ihr beiden euch gut versteht und das ist auch ok. Aber ich möchte, dass dieses Gespräch erstmal nur zwischen uns beiden bleibt. Erstmal… Das ist irgendwie wichtig für mich. Ich will nicht, dass du dir gleich Anna schnappst und das mit ihr besprichst. Wäre das ok?«

»Selbstverständlich. Das kann ich sehr gut nachvollziehen und ich versichere dir, dass du bestimmen kannst, wie wir mit dieser Situation umgehen. Ich werde ihr nichts sagen.«

»Ok, abgemacht, dann denke ich darüber nach, was ich brauche und spreche dich wieder an, wenn ich es herausgefunden habe.«



Um was geht es hier?

Wir alle haben schon Kränkungen erfahren und mit Sicherheit haben wir auch schon andere durch unser Verhalten oder Nicht-Verhalten bei der Arbeit gekränkt. Ein nicht erwiderter Gruß, eine nicht beantwortete Frage oder eine ausbleibende Reaktion können uns schnell innerlich in eine unkomfortable Situation bringen. In den meisten Fällen geschehen Kränkungen nicht mit Absicht, sondern durch Unachtsamkeit, einen Tunnelblick oder unwissentliches Ignorieren. Auch wenn sie sehr beiläufig und alltäglich entstehen, so sind sie für uns alles andere als einfach.



Eine Kränkung kann uns in unserem Selbstwert erheblich beeinträchtigen und Schamgefühle hervorrufen. Oft sind wir versucht sie herunterzuspielen oder so zu tun, als hätte sie nicht stattgefunden. Und das wiederum erzeugt einen Widerspruch, der uns sehr zu schaffen machen kann. Innerlich haben Kränkungen eine große Bedeutung für uns, nach Außen tun wir aber so, als wäre nichts geschehen. So als wäre unsere Kränkung eine Art von Schwäche, die wir vor anderen verbergen müssen. Und damit nehmen wir uns genau die Lösungsmöglichkeiten, die wir brauchen, um eine Kränkung wieder auszugleichen und zu neutralisieren. Nämlich unsere Kränkung mit der betroffenen Person oder Gruppe anzusprechen und zu klären. Häufig entscheiden wir uns dafür, uns unsere Gefühle nicht anmerken zu lassen. Vermutlich um uns zu schützen, denn Gefühle haben in der Arbeitswelt oft – zumindest die negativen – keinen guten Stellenwert.

Selbstverständlich können wir unsere Gefühle unterdrücken. Das geht aber immer auch nur zu Lasten der positiven.

Wir kühlen dann aus und verhalten uns eher formell und neutral. Auf der einen Seite kann das völlig angebracht sein. Zum Beispiel, wenn wir uns in einem Arbeitsumfeld befinden, in dem Kränkungen zur Tagesordnung gehören. Andererseits schwächen wir uns selbst, wenn wir unsere Gefühle bekämpfen, denn wir bekämpfen dann auch unsere positiven.



Warum ist das bedeutsam?

Kränkungen können eine Vielzahl an Reaktionen auslösen: Rückzug in formelles Verhalten, Erlöschen der Motivation und Leistungsbereitschaft, Verletzung des Selbstwerts bis hin zu innerer und faktischer Kündigung. Wichtig ist zu verstehen, dass Kränkungen oft durch Unachtsamkeit und unbeabsichtigt entstehen. Sich zu distanzieren und auszukühlen ist im ersten Moment menschlich und immer in Ordnung. Es sollte uns nur nicht den Weg für eine spätere Klärung nehmen – denn diese ist wichtig, um wieder unbefangen miteinander umgehen zu können. Die Situation zu klären, kann eine Arbeitsbeziehung sogar stärken, weil wir mehr Augenhöhe, Verständnis und Verbindlichkeit miteinander entwickeln. Da eine Kränkung sehr weitreichende Konsequenzen haben kann, sollten wir sie immer ernst nehmen: bei uns selbst und bei anderen.



Wofür ist das gut?

Es ist wichtig, das Thema im Hinterkopf zu behalten. Kränkungen entstehen

  • häufig unbeabsichtigt

  • durch Unachtsamkeit

  • einen Tunnelblick

  • ein falsches Maß an Aufmerksamkeit (zu viel oder zu wenig)

Oft versuchen wir die durch sie entstehenden Gefühle zu bekämpfen und uns nach Außen nichts anmerken zu lassen. Das ist in Ordnung, kann aber auch dafür sorgen, dass wir auch unsere positiven Gefühle bekämpfen oder uns die Möglichkeit nehmen, die Situation später zu klären.


Diese Klärung kann am Ende eine Arbeitsbeziehung sogar stärken und intensivieren, weil wir füreinander sichtbarer und besser verständlich werden.


Kränkungen nicht aufzulösen kann dagegen sehr weitreichende Konsequenzen haben.

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