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Valerie kämpft um Anna

Valerie überlegt einen Moment. Sie ist sich nicht sicher, ob sie sich zuerst um Marcel kümmern oder noch einmal mit Anna sprechen soll. Sie gibt sich einen Ruck und geht Richtung Personalraum. Dort angekommen fliegt die Tür auf und Anna kommt heraus. Diese sieht Valerie an. »Ach ne, du jetzt auch noch. Musst du jetzt die Scherben…« Valerie zischt sie scharf an: »Sei still!« Anna ist überrascht, richtet sich ruckhaft auf und zieht die Augenbrauen nach oben. »Ich hab dich nicht aus dieser Provinzküche, in der du vorher warst, hierher geholt, damit du jetzt nach drei Monaten das Handtuch schmeißt. Das kannst du vergessen. Wir brauchen dich hier!« »Kann ja sein, Valerie, aber ich hab echt keinen Bock mehr, mich fertigmachen zu lassen, nur weil ich mal nebenbei etwas ausprobiere...« »Ausprobieren kannst du gern zuhause. Ich dachte du wüsstest, dass in der Sterneküche Präzision alles ist!« »Ja und Valerie? Deine Präzision kannst du dir echt mal sonstwo…« Valerie macht einen Schritt auf sie zu und schaut ihr direkt in die Augen. »Ich lasse dich nicht gehen. Ich weiß, dass das mit Marcel schwierig ist, aber ich lasse nicht zu, dass du hinschmeißt.« Anna lacht spöttisch. »Wie willst du das denn verhindern? Ich lasse mich nicht mehr so behandeln!« »Ja, richtig. Das ist überhaupt nicht in Ordnung, das geht so nicht.« Das sitzt. Anna sackt ein wenig zusammen und ist ratlos. Sie starrt ein wenig vor sich hin und beginnt dann zu lächeln. »Nicht schlecht, Valerie. Vor nicht mal einer Minute war ich fest entschlossen, zu gehen und nie wieder zu kommen.« »Ich lasse dich aber nicht gehen. Wir können über alles reden, aber gehen ist keine Option.« »Und was sind die anderen Optionen? Ich will nicht mehr so behandeln lassen, ganz egal wie gut oder schlecht ich etwas koche. »Ja, darum werde ich mich kümmern. Mir ist wichtig…« Beide drehen gleichzeitig den Kopf Richtung Küche, denn Sebastian ruft um Hilfe. »Hilfe, ich brauche hier Hilfe!« Beide eilen zurück in die Küche. Auf dem Boden liegt Marcel. Er hechelt noch immer. Doch jetzt ist er sehr blass, schweißnass im Gesicht und hält sich den linken Arm. Anna kniet sich sofort neben ihn und fühlt seinen Puls am Hals. Sie dreht sich direkt zu Valerie um: »Das ist ein Herzinfarkt. Das kenne ich von meinem Vater. Wir müssen sofort einen Krankenwagen rufen.« Valerie greift zu ihrem Smartphone und wählt den Notruf. Alle sehen sich vielsagend an. Sebastian ist aufgebracht und verschränkt die Hände hinter dem Kopf. »Verdammt. Das war echt nur Zufall, dass ich noch mal zurückgekommen bin«, er nimmt die Arme wieder runter und sieht zu Anna », weil ich ihn spontan bitten wollte, dich nicht gehen zu lassen.«

Fünfzehn Minuten später wird Marcel in der Küche auf eine mobile Bahre gehoben. Valerie hält seine Hand, als Anna von der anderen Seite an die beiden herantritt.

»Ich gehe nicht. Ich verspreche euch, dass ich mein Bestes gebe, um hier alles am Leben zu erhalten.« Sie blickt abwechselnd Valerie und dann Marcel an.

»Ich bleibe, bis du wieder gesund und wieder hier bist, Marcel. Und dann sehen wir gemeinsam weiter. Du kannst dich auf mich verlassen.«

Marcel nickt und versucht zu lächeln. Valerie seufzt und legt eine Hand auf Annas Schulter.


Nachdem alle verschwunden sind, sieht sich Anna in der Küche um und atmet durch. Sie sieht zu Sebastian, der den Kopf gesenkt hat und ein wenig blass und besorgt aussieht.

»Na, dann trommel mal alle zusammen, irgendwie müssen wir den Laden hier am Laufen halten.«

Sebastian richtet sich auf und macht sich ein wenig gerade.

»Ok, ich rufe den Rest des Teams an und bestell sie her. Das wird echt eine heftige Woche!«

»Ja, das stimmt, aber wenn wir alle zusammen halten, kriegen wir das hin. Ich schau mir mal die Reservierungen für die Woche an. Und ich weiß, dass sich Valerie heute um den Einkauf kümmern wollte. Machen wir das zusammen?«

Jetzt kann Sebastian wieder ein wenig lächeln.

»Ja, klar, gern. Treffen wir uns in 20 Minuten? Bis dahin müsste ich eigentlich alle erreicht haben. Und du meintest das ernst, oder? Dass du erst mal bleibst?«

Anna sieht Sebastian in die Augen, nickt bestimmt, lächelt und macht sich auf den Weg Richtung Büro.




Um was geht es hier?

Auch wenn es uns meistens nicht bewusst ist und auch ein wenig technisch klingt: Jede Beziehung verfolgt einen oder mehrere Zwecke. Wir haben nie grundlos miteinander zu tun. Und selbst wenn wir uns nur kurz und zufällig begegnen, verfolgen wir bestimmte Absichten. Zum Beispiel, dass wir uns freundlich, respektvoll oder höflich anderen gegenüber verhalten.


Jede Beziehung verfolgt immer einen bestimmten Zweck. Auch wenn uns dieser Zweck nicht bewusst ist.

Den Zweck einer Beziehung nennen wir : Beziehungsabsicht. In der Arbeitswelt gibt es immer eine äußere und eine innere Beziehungsabsicht. Die äußere wird durch Verträge, Absprachen, Gesetze, Vereinbarungen u. Ä. geregelt. Die innere hat dagegen mit unseren Bedürfnissen, Wünschen, Erfahrungen und Werten zu tun. Offensichtlich mag sich Anna von ihrem Chef Marcel nicht mehr auf eine bestimmte Art behandeln lassen. Neutral formuliert könnten wir sagen, dass es einen Konflikt zwischen den beiden auf der Ebene der inneren Beziehungsabsicht gibt. Anna und Marcel können diesen Konflikt augenscheinlich nicht lösen. Anna weiß sich nicht mehr anders zu helfen, als selbst fristlos zu kündigen. Sie hebt quasi aus Not die äußere Beziehungsabsicht – also ihren Arbeitsvertrag zu erfüllen – auf, um eine für sie belastende (innere) Situation zu beenden. Valerie macht es dann intuitiv richtig: Sie baut zu Anna wieder eine innere Beziehungsabsicht auf, indem sie ihr mitteilt, dass sie wichtig ist und gebraucht wird. Sich in dieser Situation auf die äußere Beziehungsabsicht zu fokussieren – also darauf zu bestehen, den Arbeitsvertrag zu erfüllen – hätte nichts geändert. Wahrscheinlich alles nur noch mehr verhärtet, zementiert.





Warum ist die Beziehungsabsicht ein wichtiges Thema?

In vielen Fällen lohnt es sich, dass wir uns mit der Beziehungsabsicht einer sozialen Interaktion beschäftigen. Das schaltet sozusagen das Licht ein. Denn die meiste Zeit verhalten wir uns unbewusst in Beziehungen. Wenn wir vor allem nach unserer eigenen Absicht in einer Beziehung fragen, können wir sehr viel klären und einiges herausfinden. In den meisten Fällen wissen wir dann sehr viel eher, woran wir mit uns selbst und unserem Gegenüber sind. Das kann manchmal sehr ernüchternd und nicht unbedingt ein gutes Gefühl sein. Aber wir können dann eine genauere Einschätzung einer sozialen Situation vornehmen und uns so eine andere innere Position, eine andere Haltung erarbeiten.

Sehen wir uns die möglichen Beziehungsabsichten von Marcel und Anna etwas näher an. Angenommen für Marcel ist es wichtig, dass ihm seine Mitarbeiter folgen, also genau das tun, was er ihnen sagt. Dann wird das für ihn an seinem Arbeitsplatz eine wesentliche Beziehungsabsicht sein. Innerlich wird er also ein hohes Maß an Folgsamkeit, Verbindlichkeit oder auch Gehorsam von seinen Mitarbeitern fordern. Er wird sein breites Wissen und Können gern bereitwillig teilen, allerdings mit der Erwartung, das dieses genauso angewendet wird.

Angenommen für Anna ist es wichtig, sich entfalten, kreativ entwickeln zu können. Und weiter angenommen, dass ihr Marcels Anerkennung wichtig ist, dann wird das vermutlich die Grundlage ihrer Beziehungsabsicht mit Marcel sein: Seinen hohen Erwartungen an Folgsamkeit gerecht zu werden, aber auch zu versuchen durch Eigenleistungen, Kreativität »Neues« zu entwickeln und dadurch positiv aufzufallen.

Mit diesen beiden Annahmen ist die Arbeitsbeziehung der beiden sehr anfällig. Sie kann einiges an Dynamik, Spannungen und Konflikte beinhalten. Denn Marcel kann durch Annas Versuche aufzufallen, unzufrieden und gereizt sein, weil er sich nicht ernst genommen fühlt. Und Anna kann genau das gleiche erleben, weil sie sich kritisiert, ausgebremst, vielleicht sogar unterdrückt fühlt.

Annas Versuch einer Kündigung kann genau ein Ausdruck dieser Spannungen sein. Die nichts darüber aussagen, wie sehr sich beide vielleicht auch schätzen oder sympathisch sind. Der Konflikt der beiden ist dann einfach Ausdruck, ein Symptom unterschiedlicher Beziehungsabsichten - nicht mehr und nicht weniger.

Von diesem Hintergrund können wir Annas Versuch einer Kündigung auch anders verstehen: Diese ist dann die Folge ungeklärter Beziehungsabsichten. Wer weiß, welche Lösung sie finden würden, wenn sie um dieses Thema wüssten und diesbezüglich mehr Klarheit hätten?




Wofür ist das gut?

Die Frage nach unseren Beziehungsabsichten eignet sich besonders, um


  • Klarheit über eine soziale Situation zu erlangen

  • unsere Selbstkenntnis zu erhöhen

  • unsere Erwartungen an das soziale Geschehen unserer beruflichen Tätigkeit besser greifen zu können

  • herauszufinden wie viel Nähe und Distanz für uns bei der Arbeit wichtig sind

  • geladene, angespannte Situationen innerlich in uns zu entspannen, indem wir versuchen, Kenntnis über die Absichten aller Beteiligten zu gewinnen

  • nachzuvollziehen warum bestimmte Situationen misserverständlich, konflikthaft oder unbefriedigend sind


Für viele von uns kann es ungewohnt sein, sich mit der Beziehungsabsicht einer sozialen Situation bzw. Interaktion auseinander zu setzen. Aber wie immer gilt: Übung macht den Meister. Wir empfehlen zu Beginn sich mit der Beziehungsabsicht einer guten Beziehung, die sich sicher, sympathisch oder verlässlich anfühlt, zu beginnen. Mit etwas Übung und Erfahrung können wir uns dann anspruchsvolleren Aufgaben stellen.


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Bella & Chrisch Leisten

BOM - Beziehungsorientiertes Management GbR

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